Schauplatz Werkstatt

Hinter den Kulissen des Ernst Deutsch Theaters

Sie bauen ein massives Bett aus Stahl, malen ein Gebirgs-Panorama auf dreißig Metern, schneidern Uniformjacken wie aus dem 18. Jahrhundert. Die Handwerker in den Werkstätten des Hamburger Ernst Deutsch Theaters kennen die Anforderungen des Schauspiels und arbeiten in seinem Rhythmus.

 

Eine unauffällige Klingel, ein verwittertes Schild, darauf der Hinweis: Ernst Deutsch Theater - Werkstätten. Die Tür öffnet Frank Gooßen (46), gelernter Tischler und Werkstattleiter. Es riecht nach Holz. Wir befinden uns auf dem Gelände einer alten Fischfabrik in Dulsberg, etwa drei Kilometer entfernt vom größten Hamburger Privattheater an der Mundsburg, und Gooßen führt in einen Handwerkskosmos von unvermuteter Größe. Hier entsteht alles, was das Theater für seine Inszenierungen braucht - vom gemalten Bühnenhintergrund über Möbelstücke und Kostüme. Was dafür nötig ist, zählt Gooßen auf: „Wir haben hier die Dekorationsabteilung, einen Malsaal, die Schneiderwerkstatt, eine Tischlerei und die Schlosserei." Insgesamt arbeiten zwölf Handwerker fest angestellt in den Werkstätten des Ernst Deutsch Theaters. Zum Beispiel Volker Siemsen (59), gelernter Bauschlosser.
Zuletzt hat er ein Bett aus Stahl gebaut, zwei Tage, bevor Minna von Barnhelm Premiere hatte. „Das Modell eines schwedischen Möbelhauses ist in den Proben zerbrochen", erklärt er. Werkstattleiter Gooßen ergänzt: „Das ist ein typischer Fall. Wir bauen hier Möbel und Kulissen, die für die Beanspruchung auf der Bühne sehr stabil sein müssen. Gleichzeitig planen wir alle Produktionen so, dass sie im Kostenrahmen bleiben."

Arbeiten im Sechswoch
Wochen wird die jeweils aktuelle Ausstattung nicht mehr gebraucht. Dann hat das nächste Werk Premiere, wird auf der Bühne eine neue Kulisse aufgebaut. Die alten Ausstattungsstücke zerlegen die Handwerker in den Werkstätten, nutzen Einzelteile für neue Wände und Möbel, fertigen aus Vorhangstoffen neue Dekoration. Nur die Kostüme wandern komplett in den Fundus. Aus dem leiht sich ein Schulchor gerade elegante Fräcke aus, und währenddessen hat Herrenschneiderin Philina Wolf (23) Zeit zu erzählen: Auch in der Schneiderei sei es vor der Premiere der Minna von Barnhelm hektisch zugegangen, sagt sie. Während beim Schlosser ein neues Bett entstand, schneiderte Philina Wolf in letzter Minute eine historische Uniformjacke. Nun, wenige Tage später, räumt sie die Werkstatt auf, studiert in Ruhe die ersten Skizzen für die neuen Kostüme. Denn bald geht alles wieder von vorne los. In Gooßens Büro steht seit wenigen Tagen das Modell für das Bühnenbild für John Gabriel Borkman, Premiere ist nach der Sommerpause.

Ein künstlerischer Prozess
Handwerk im Rhythmus des Theaters. Gooßen erklärt: „Es beginnt immer mit dem ersten Modell der Bühne, das wir früh bekommen. In den Wochen bis zur Premiere arbeiten wir eng mit Bühnenbildner und Regisseur zusammen. Denn während die Inszenierung Gestalt annimmt, wandeln sich die Anforderungen an Kostüme und Kulissen - oft mehrfach. Wir sind eingebunden in diesen künstlerischen Prozess." Die Handwerker haben sich dem Ablauf angepasst und bringen Ideen ein, wie sich die Vorstellungen der Theaterkünstler umsetzen lassen. Das ist technisch oft komplex. Denn bei aller Begeisterung dafür, dass ein Schauspieler im Kronleuchter herumklettert, während die Bühne sich dreht: Das Licht darf nicht ausfallen und der Schauspieler nicht abstürzen.

Wände - fünf Meter hoch
Diese besondere Zusammenarbeit ist ein wichtiger Grund, warum das Ernst Deutsch Theater bis heute so viel Wert darauf legt, eigene Werkstätten zu betreiben. Ein anderer sind die speziellen Bedürfnisse: In Gooßens Tischlerei ist viel Platz, stehen die Maschinen weit auseinander: „Wir bauen fünf Meter hohe Wände, dafür brauchen wir Raum", erklärt der Werkstattleiter. Die größten Stücke entstehen dennoch im Baukastensystem, damit sie transportiert werden können: von Dulsberg zur Mundsburg, ohne Sondertransport.

Faszination Handarbeit
Darauf hat sich auch Theatermalerin Martina Köster (40) eingestellt. Auf dem Boden ihres Malsaals - auch er ist ausreichend hoch, um fünf Meter hohe Kulissen zu fertigen - ist noch der Abdruck des letzten Bühnenbilds zu sehen. Ein Gebirge, 30 Meter lang. Vier Wochen lang hat sie mit ihrer Kollegin Ditte Koopmann daran gearbeitet. „So etwas malen wir in Abschnitten; erst auf der Bühne wird das Bild zusammengesetzt", erklärt sie. „Die Schnittstellen dürfen dann nicht sichtbar sein." Und während auch sie ihre Werkstatt aufräumt, berichtet sie von ihrer Faszination für das Schauspiel: „Ich kann hier traditionell handwerklich und gleichzeitig kreativ arbeiten." Die Malerin, die immer zum Theater wollte und sich jedes „ihrer" Stücke ansieht, glaubt an den Wert handgefertigter Bilder für eine gute Inszenierung.

Seit Jahrzehnten dabei
„Ich fürchte dennoch, dass Theatermaler ein aussterbender Beruf ist", sagt sie: Immer günstiger werde es, auch Riesenformate drucken zu lassen. Doch Gooßen - und die Intendantin Isabella Vértes-Schütter - stehen zum traditionellen Handwerk. „Bei uns lässt sich wenig standardisieren und maschinell herstellen", erklärt der Werkstattleiter. „In der Tischlerei wird verzapft und verzahnt, und wir nutzen meist traditionelle Materialien." 
Viele Azubis interessieren sich auch deshalb für eine Lehre beim Theater. Und vielleicht zögen sie mit einem Ausbildungsplatz hinter der Bühne ein großes Los. Die Mitarbeiter in den Werkstätten jedenfalls fühlen sich wohl. Die meisten von ihnen sind schon Jahre, manche Jahrzehnte dabei. Sie kennen sich aus in dem Handwerkskosmos Theater, hinter der unscheinbaren Tür in Dulsberg.

Anemone Schlich