Herrn Kunzes Gespür für Töne
Klavierbaumeister stimmt für weltbeste Pianisten
In 37 Jahren als Klavierbaumeister hat Matthias Kunze es geschafft, bei Konzerten für die
angesehensten Pianisten die Instrumente stimmen zu dürfen. Eine Frage von handwerklichem Geschick und jeder Menge Gefühl.
Behutsam nimmt Matthias Kunze einen Filz-Keil in die Hand und steckt ihn zwischen zwei Stahl-Saiten. Der Klavierbaumeister aus dem nordwestmecklenburgischen Alt Meteln blickt in das Herzstück des Pianos. Mehr als 220 Saiten sind in ihm gespannt. Die 88 Hammerköpfe sind auf die entsprechenden Saiten exakt ausgerichtet. Bis zum harmonischen Klang fehlen noch zahlreiche feinste Einstellungen. „Jetzt zählt nicht nur das handwerkliche Können, sondern auch die Erfahrung“, sagt Kunze und schlägt auf eine der weißen Tasten. Noch erklingt nicht das gewünschte „A“.
Mischung aus Gefühl und Technik
Nicht nur das Stimmen einzelner Saiten, also das Verändern der Frequenz, macht den Klavierton, sondern auch das Intonieren des Hammerkopfes. Dazu nimmt Kunze den Intoniernadel-Halter und sticht die Nadel behutsam in den Filz des Hammers. Erneut schlägt er den Ton an und lächelt. Für den Laien kaum hörbar, erkennt der Fachmann sofort, dass der Ton jetzt weicher und runder klingt. 37 Jahre Klavierbauererfahrungen geben ihm die Sicherheit. Es ist das Gefühl, das ihn als Profi-Stimmer von einem frisch ausgelernten Gesellen unterscheidet. „Meine Auszubildenden lernen alle handwerklichen Techniken. Doch bevor sie einen Flügel für einen Pianisten auf dem Konzert-Podium stimmen dürfen, müssen sie viel üben“, so der Meister, der seinen Beruf ab 1969 in Leipzig erlernte und 1977 die Meisterausbildung in Dresden abschloss, bevor er sich 1985 in Alt Meteln selbstständig machte.

Gemeinsam mit seinem gleichnamigen Sohn führt er seit 1992 eine kleine Werkstatt samt Verkaufsraum. Der Junior bringt viel Wissen aus seiner Ausbildungszeit mit, die er dreieinhalb Jahre bei der Firma Steinway&Sons in Hamburg, einer der weltweit führenden Klavierbaufirmen, absolvierte. Der Neubau von Klavieren wäre für das fünfköpfige Team in Alt Meteln zu aufwändig. Stattdessen werden Klaviere verschiedenster Hersteller und Epochen restauriert und erhalten ihren akustischen und optischen Glanz zurück.
Die Stimmer der Profi-Pianisten
Gemeinsam absolvierten Senior und Junior eine Weiterbildung an der Steinway-Akademie in Hamburg. Nur wer dort die anspruchsvollen Prüfungen besteht, darf die von Experten als hochwertigste eingeschätzten Flügel für Konzerte stimmen. Damit haben sich die beiden Meister ein weiteres Standbein geschaffen.
Von Juni bis Oktober sind sie unterwegs, um während der Festspiele Mecklenburg-Vorpommerns und dem Usedomer Musikfestival ihre Konzert-Instrumente für die besten Pianisten der Welt zu stimmen. Schließlich sei es so, dass 90 % der Profis nur auf einem Steinway spielen. Entweder bringen diese ihr eigenes Instrument mit, oder Matthias Kunze liefert eines seiner bis zu 120.000 € teuren Konzert-Flügel.
Behutsam wird der Flügel meist am Wochenende auf einen gut gefederten und gepolsterten Anhänger verladen. Am Konzertort angekommen, stellen die Klavierbaumeister ihn dann nach den Wünschen der Künstler auf und ein. „Das ist nicht immer einfach, da jeder Musiker ein ganz unterschiedliches musikalisches Empfinden hat“, sagt der Senior. In seinem Werkzeugkoffer hat er neben Ersatzsaiten und einer Stimmgabel auch filigranste Werkzeuge und Drähte. „Damit kann ich ganze Stimmungen eines Konzert-Flügels von strahlend-brilliant bis hin zu romantisch-warm erzeugen“, erklärt der Meister. Die Veränderungen reichen bis hin zu Einstellungen einzelner Töne. Nicht selten verlässt er den Konzertsaal erst kurz vor dem Einlass der Gäste. Dann hat er meist noch ein wenig Zeit, sich zu waschen, die Arbeitssachen gegen Anzug, Hemd und Krawatte zu tauschen, um seinen gestimmten und intonierten Flügel, kombiniert mit höchster Spielkunst der Solisten, zu genießen.
FESTSPIELE MECKLENBURG
Erstklassige Konzerte, die stimmungsvolle Atmosphäre historischer Architektur, eine malerische Landschaft soweit das Auge reicht und zur Abrundung des kulturellen Erlebnisses das kulinarische Vergnügen – die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Noch bis zum 13. September können Musikliebhaber diese musikalische Landpartie erleben. Mit jährlich über 100 Konzerten ist es das drittgrößte Musikfestival in Deutschland und zieht immer wieder tausende Musikbegeisterte an. Seit 1990 sind in den Sommermonaten namhafte Solisten und Dirigenten, renommierte Orchester und Chöre, die internationale „Junge Elite“ sowie die Preisträger der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern zu Gast und erfüllen landesweit über 70 Spielstätten vom Klützer Winkel bis Usedom mit Musik auf höchstem Niveau.
Weitere Informationen im Internet unter www.festspiele-mv.de.
Jens Seemann

