Kultur beginnt mit Handwerk

Ungewöhnliche Blicke hinter die Kulissen

„Geht nicht“ gibt es bei den Handwerkern des Studios Hamburg nicht. Auf 4.000 Quadratmetern Werkstattfläche schaffen Maler, Lackierer, Raumausstatter, Tischler, Elektroniker und Metallbauer Kulissen für Musicals, Theater-Inszenierungen, Fernsehsendungen und Filmproduktionen.

Wenn am Montagabend Reinhold Beckmann in seiner Talk-Sendung mit Prominenten spricht, achtet Jörn Denneborg mehr auf die Kulisse als auf die Inhalte. Während der Moderator persönliches aus den Gästen herauskitzelt, begutachtet Denneborg Wände, Fußböden und die Lichtgestaltung. Der Leiter der Werkstätten des „Studios Hamburg“ kennt die kleinsten Details des Studios in Hamburg-Jenfeld. Jeden nachgebildeten Backstein, den bemalten Parkettfußboden und den Tisch des reproduzierten Lofts der Hamburger Speicherstadt haben seine Mitarbeiter gebaut und bemalt und das Lichtkonzept entwickelt.

Doch zum Fernsehschauen hat der 43-jährige Tischlermeister selten Zeit. jährige Tischlermeister selten Zeit. In seinen Werkstätten, die sich auf dem 88.000 Quadratmeter großen Areal inmitten von Studios, Übertragungswagen und Büros befinden, herrscht Hochbetrieb. „Hier folgt eine Premiere der nächsten“, berichtet der Handwerker und ergänzt: „Wir arbeiten ja nicht nur für TV-Produktionen. Bei uns entstehen auf rund 4.000 Quadratmetern Werkstattfläche Kulissen für Theater, Musicals, Messen und Museen.“



Aus einem Beutel nimmt er behutsam eine weiße Muschel. Ein Designer fand sie im Urlaub und brachte sie mit nach Hamburg. Für ein Stück der Bamberger Sinfoniker sollen die Handwerker ein Duplikat bauen. „Das ist wieder eine dieser kniffligen Aufgaben, die unseren Job so anspruchsvoll und reizvoll zugleich machen“, sagt Jörn Denneborg und erinnert sich an tagelange Planungen und viele Zeichnungen, die im Mülleimer landeten. Erschwerend kam hinzu, dass Schauspieler später sowohl in als auch auf der sechs Meter langen und drei Meter hohen Muschel spielen sollen. Die Tischler bauten ein Gestell und verkleideten es mit einer robusten, weißen Masse. Jetzt sind die 14 Einzelteile fertig und liegen im Malsaal. Feiner weißer Staub wirbelt durch die Luft und legt sich auf große Bilder an den Wänden, die Landschaften und Personen zeigen. Sie alle waren bereits Teile von Theater- oder Fernsehkulissen. Mit Masken vor Mund und Nase schleifen sechs Mitarbeiter die Muscheloberflächen, die anschließend so lackiert werden sollen, dass ein Unterschied der Oberflächen von Original und Nachbau nicht mehr erkennbar ist. Seine Mitarbeiter verstehen es, mit Techniken das Auge zu täuschen. Schließlich müssen sie häufig beispielsweise Holz zu Metall verwandeln.

Jörn Denneborg ist in Eile und schaut kurz bei den Raumausstattern vorbei. Die Männer und Frauen polstern historische Stühle, die in wenigen Tagen nach Mailand geliefert werden. Dort steht das Musical „Die Schöne und das Biest“ vor der Premiere. In den Werkstätten des Studios Hamburg entstehen gerade über 80 % der Kulisse. „Wir beliefern weltweit Musical-Theater und haben nur selten mehr als sechs Wochen von der Planung bis zur Premiere. Das ist aber noch viel, wenn man bedenkt, dass wir Fernseh-Shows meist innerhalb weniger Tage ausstatten“, sagt der Werkstattleiter. In einem Regal entdeckt er ein Paket grünen Stoff und erinnert sich an einen sehr aufwändigen Auftrag: „Daraus haben wir  Kilometerweise Lianen für das Musical Tarzan gestaltet.“ Tagelang wurden Stoffbahnen gezogen und gedreht. Jede helfende Hand packte damals mit an.

Als Eigengewächs der Werkstätten kennt er diese Situationen. Da er bereits 1982 seine Tischlerausbildung in den Werkstätten absolvierte, die er seit 2002 leitet, hat er unzählige Projekte begleitet. Aus der Ruhe bringt ihn so schnell nichts mehr. „Unsere 65 Mitarbeiter zeichnen sich durch enorme Kreativität und Flexibilität aus. Für uns ist die nächste Premiere immer die wichtigste – danach muss sich jeder richten“, sagt Denneborg und erreicht die Metallbauwerkstatt. Funken fliegen und ein Mitarbeiter legt die Teile eines Gestells zusammen. Der Pranger für „Die Schöne und das Biest“ ist bereits fertig. Das Gestell soll in Mailand eine Holzkonstruktion halten. „Ob im Fernsehstudio oder auf der Bühne – wir haben häufig unregelmäßige Formen und müssen alles ganz individuell anfertigen“, sagt Denneborg und ist genauso schnell wieder verschwunden, wie er kam, um mit den Elektronikern noch Details abzusprechen.

In einer Ecke der Elektro-Werkstatt steht ein Modell des Mailänder Bühnenbildes.
Anhand dessen können die Techniker Lichteffekte testen. Auf den Tischen stapeln sich Pakete mit Glühbirnen und LED-Leuchten. Kilometerlang sind Kabel auf Rollen gewickelt. Die Männer und Frauen müssen allerdings noch etwas warten, bis sie die Beleuchtung in die Kulisse einbauen können, da diese noch in der Tischlerei gebaut wird. Unterdessen stimmen sie mit den Technikern in Mailand die Scheinwerferbeleuchtung ab, damit sie diese pünktlich zur Premiere problemlos bedienen können.

Mittlerweile sind die ersten Teile der Muschel fertig geschliffen und werden in die Lackierkabine geschoben. Seit 24 Jahren verleiht hier Henry Gehring Kulissen, und Möbeln den passenden Glanz. Da die Stücke meist im letzten Moment bei ihm ankommen, sitzt ihm die Zeit stets im Nacken. Doch Gehring strahlt Gelassenheit aus. Weniger gelassen schaut auch er sich wie Jörn Denneborg Fernsehsendungen an. „Ich erkenne jedes kleine Detail, das in meinen Kabinen war und bin dabei sehr kritisch. Aber meistens
gibt es einfach nur Grund, stolz auf das zu sein, was wir gemeinsam geschafft haben“, sagt Lackierer Gehring.

Jens Seemann