Orgelbau Babel in Gettorf
Alleskönner mit Gespür für den richtigen Ton
Viele Menschen beherrschen ihr Handwerk. Manche Menschen ziehen sprichwörtlich alle Register. Und ein Paar tut beides gleichzeitig und sehr real: Kirsten und Ulrich Babel. Die beiden sind Orgel- und Harmoniumbaumeister. Kirsten Babel ist außerdem als einzige Frau in Deutschland Restauratorin im Orgelbauer- und Harmoniumhandwerk.
Ein größeres und komplexeres Musikinstrument als eine Orgel gibt es kaum. Sie ist eine Komposition aus tausenden Orgelpfeifen, zahlreichen Registern, Klaviaturen und sehr ausgefeilter Technik. Deshalb muss ein Orgelbauer ein Alleskönner sein. Einer, der sich mit vielen Werkstoffen auskennt und mit ihnen umgehen kann. Einer, der außerdem ein präzises Gehör haben muss. Schließlich macht der Ton die Musik. Das Ehepaar Kirsten und Ulrich Babel hat sich mit Leib und Seele dem Orgel- und Harmoniumbau verschrieben. Beide sind Meister – sie seit 1999, er seit 1976. „Bei mir hat alles mit dem Singen im Kirchenchor angefangen. Ich war sofort vom Orgelspiel fasziniert“, erinnert sich Kirsten Babel. Ehemann Ulrich dagegen half in seiner Jugend in einer Orgelbauwerkstatt aus, die Bekannte seiner Eltern führten. Das gab den entscheidenden Anstoß.
Kennengelernt haben sich Kirsten und Ulrich Babel – sie stammt aus Westfalen, er aus Mittelfranken – in einer Kieler Orgelbaufirma. Das war 1986 und reiner Zufall. Die Liebe zum Beruf vereinte auch privat und führte 1989 zum gemeinsamen Schritt in die Selbstständigkeit. Inzwischen verheiratet, gründeten sie in einem 300 m2 großen Neubau in Gettorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ihren Betrieb. 1996 erweiterten sie ihn um eine neue Halle. „Für mich war immer klar, dass ich einmal selbstständig werde“, sagt Ulrich Babel. Der Blick in die nach Holz duftende Werkstatt verrät die unglaubliche Vielfalt des Berufs. „Wir sind Tischler, Feinwerkmechaniker, Metallbauer und sogar Schwachstrom-Elektriker. Zusätzlich arbeiten wir mit Leder und Filz“, so Ulrich Babel. Vom Entwurf bis zur kompletten Ausführung inklusive der Intonation der Pfeifen – alles aus einer Hand.
Gemeinsam mit einem Lehrling sind beide derzeit mit dem Orgel-Neubau für die Gemeinde Owschlag im Kreis Rendsburg-Eckernförde beschäftigt. „Eine kleinere Orgel mit lediglich 20 Registern. Die Bauzeit wird voraussichtlich ein Jahr betragen“, erläutert Ulrich Babel am gut drei Meter langen 1:1-Papier-Grundriss, auf dem alle 1.062 Pfeifen eingezeichnet sind. Ein Jahr Bauzeit!
Andere Kunden – andere Vergabekriterien
So besonders wie der Beruf sind auch die Kunden. „Zu 99 % sind Kirchengemeinden unsere Kunden. Es gibt nur wenige Private, meist Organisten“, erläutert Kirsten Babel. Anders als beim Hausbau gibt es beim Orgelbau kein Leistungsverzeichnis. Zwar müssen Kostenangebot, Prospektentwurf und Konstruktionsskizze im Zuge einer beschränkten öffentlichen Ausschreibung abgegeben werden. Maßgebend ist allerdings das klangliche Konzept, das ein Orgelsachverständiger nach Rücksprache mit der Gemeinde festlegt. Der Orgelsachverständige ist es auch, der in Rücksprache mit dem Organisten eine abschließende Empfehlung ausspricht. „So entscheidet nicht automatisch der günstigere Preis. Meist erhält das Angebot den Zuschlag, das dem Klangkonzept am ehesten entspricht“, betont Kirsten Babel.
Die Babels bauen aber nicht nur „neu“. Die Sicherung der betrieblichen Grundauslastung gewährleisten Wartungsverträge für Orgeln mit verschiedenen Kirchengemeinden. Vorwiegend im norddeutschen Raum mit dem Schwerpunkt Schleswig-Holstein. Doch auch in Baden-Württemberg und Brandenburg waren die Orgelbauer unterwegs. Ulrich Babel hat es sogar schon mal nach Japan verschlagen. Auch für Estland wurde eine Orgel überarbeitet. Demnächst steht eine für Indien zur Überarbeitung an.
Einzige Orgelbau-Restauratorin
Für den Owschlager Neubau werden sämtliche Holzpfeifen in Gettorf produziert. Metallpfeifen dagegen werden als Handelsware eingekauft, verbaut und nach der Aufstellung des Instruments intoniert. Die Metallpfeifen sind in der Regel der dekorative Teil einer Orgel. Die meiste „Arbeit“ erledigt, für das Publikum unsichtbar, eine deutlich höhere Anzahl an Pfeifen. Die Owschlager Orgel bekommt Metallpfeifen zwischen 8 mm und 2,45 m. Die Länge der Holzpfeifen bewegt sich zwischen 8 cm und 2,40 m.
Seit 2009 ist Kirsten Babel zusätzlich Restauratorin im Orgel- und Harmoniumbauerhandwerk. Bislang ist sie die einzige Frau in Deutschland, die diese anspruchsvolle Zusatzqualifikation erworben hat. Vermutlich ist sie sogar weltweit die einzige Restauratorin ihres Fachs. „Diese Qualifikation befähigt mich, einschätzen zu können, ob es sich bei einer alten Orgel auch um ein wirklich denkmalwürdiges Instrument handelt.“ Eine spannende, wissenschaftlich ausgelegte Arbeit. Etwas für Kirsten Babel absolut Faszinierendes. „Man bekommt einen anderen Blick für alte Instrumente und erkennt, was der Erbauer mit der Konstruktion beabsichtigt hat. Eine sehr schöne Erfahrung.“
Andreas Haumann

