„Die spannendste Zeit meines Lebens“
Interview: 20 Jahre Mauerfall
„Die Kerzen aus den Kirchen haben die Friedfertigkeit auf die Straßen getragen.“ Helmuth Schröder war vor 20 Jahren in der DDR-Bürgerbewegung aktiv. Er blickt zurück auf die Ängste, die Hoffnungen und auf die Gewissheit, dass nichts so bleiben konnte, wie es war.
Herr Schröder, wie war Ihr Leben in der DDR?
Helmuth Schröder Ich hatte meine Nische gefunden, in der ich gut leben konnte. Ich habe immer im privaten Handwerk gearbeitet und musste mich nicht in ein sozialistisches Kollektiv einordnen. Mein erstes politisches Bekenntnis war die Ablehnung der Jugendweihe, weil ich im protestantischen Glauben aufwuchs und keine zwei Meinungen in mir tragen wollte.
Das kirchliche Engagement wurde immer mit Argwohn betrachtet, hat aber bei mir nicht zu großen Repressalien geführt. Ich wurde sogar von 1982 bis 1988 Chef der Crivitzer Feuerwehr, was früher wie heute eine wichtige Funktion ist. Damals hat man tatsächlich fachlich entschieden und nicht ideologisch. Wie gesagt, ich hatte meine Nische, meine Freunde, war nicht unglücklich. 1989 konnte ich mich selbstständig machen und die Freude an dem, was man selbst schaffte, war damals ungleich größer als heute. Aber es hat immer etwas gefehlt.
Wann und aus welchen Gründen begannen Veränderungen sichtbar zu werden?
Schröder Politisch begann es schon sehr früh. Mit dem KSZE-Prozess von Helsinki und mit Willy Brandt kam die internationale Anerkennung der DDR ins Rollen. Es kam damit aber auch das Thema Menschenrechte auf die Tagesordnung. In der Bevölkerung bildete sich ein entsprechendes Bewusstsein und hinter den Türen der Kirchen kam etwas in Bewegung. Vollends ins Wanken geriet aber alles durch den immer sichtbarer werdenden wirtschaftlichen Niedergang. Letztlich spielte die Ökonomie die entscheidende Rolle. Die DDR war überall grau in grau und verfiel zusehends. 1986/87 wurde es unübersehbar, dass es ins Minus geht. Durch die Entwicklungen in anderen östlichen Ländern wurde immer deutlicher, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.
War Flucht je ein Thema für Sie?
Schröder Nein, auch nicht, als die Möglichkeit bestand, über andere östliche Länder in den Westen zu kommen. Ich wollte nie weg, ich wollte, dass sich die Dinge hier bei uns verändern. Ich hatte und habe hier meine Familie, meine Freunde, mein Haus, meinen Betrieb. Ich wäre nie weggegangen.
Wann sah und spürte man so richtig, dass die Bevölkerung in Aufbruch geriet?
Schröder Berlin und Sachsen waren die Zentren der Bewegung, In unserem Flächenagrarland dauerte es länger, bis der Funke übersprang. Unser damaliger Pastor Rathke, Altbischof der Mecklenburgischen Landeskirche, hatte unser Bewusstsein für Freiheit und Demokratie aber bereits seit 1986 geschärft. Dafür stand er natürlich im Visier der Stasi, die noch im Frühjahr 1989 erfolglos versuchte, mich als IM anzuwerben, was ich aus Prinzip strikt ablehnte. Dass es dabei um die Bespitzelung von Pastor Rathke gehen sollte, habe ich aber erst später aus meiner Stasi-Akte erfahren. Auf einmal ging dann alles Schlag auf Schlag. Da war so eine unglaubliche Bewegung und Dynamik in der Gesellschaft. Unsere „Politische Bürgerinitiative Crivitz“ traf sich erstmals am 16. Oktober 89 in einer Privatwohnung. Am 30. hatten wir unsere erste öffentliche Diskussion im Crivitzer Kulturhaus, der sich der Vorsitzende des Rates des Kreises stellen musste. Am 1. November versammelten wird uns zum Friedensgebet und zur Demonstration mit Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz. Der Dammbruch kam natürlich mit dem 9. November. Der Fall der Mauer war der erste Schritt zur grundsätzlichen Veränderung der Politik. Viele hatten geglaubt, das Hauptziel sei schon erreicht, aber das wichtigste begann ja erst noch. Die Entmachtung der Stasi, die Begründung der Demokratie und des Rechtsstaates. Wenn ich mich 89 nicht selbstständig gemacht hätte, wäre ich zu dieser Zeit in die Politik gegangen. Es hat sich seitdem vieles positiv entwickelt, aber diese Zeit war die spannendste Zeit meines Lebens."
Zur Person
Helmuth Schröder, Jahrgang 1952, ist seit 1989 selbstständiger Elektromeister in Crivitz. Er ist stellvertretender Obermeister der Elektroinnung Parchim. Als Mitglied der Kirchengemeinde war er in der Bürgerbewegung und im Neuen Forum aktiv. Seit der Wende ist er Mitglied der SPD und heute 2. stellvertretender Bürgermeister von Crivitz.
Petra Gansen

