In dreißig Minuten auf der Baustelle

Baumesse Bygg-Reis Deg

Bauboom in Norwegen? NordHandwerk-Redakteur Ulf Grünke hat sich auf der größten Baumesse Skandinaviens, der Bygg-Reis Deg, umgesehen und dabei eine Reihe Handwerksbetriebe aus Schleswig-Holstein getroffen.

Frank Michael Jacobsen im Kundengespräch. Mit Händen und Füßen versucht der Rollladen- und Jalousiebauermeister aus Schwentinental seinen potenziellen Kunden von den Vorzügen seiner Produkte zu überzeugen. Eigentlich kein Problem für ihn, kennt er sich doch mit Rollläden, Markisen und Jalousiebau bestens aus. Zwischen seinem ersten heutigen Auftrag steht nur noch die Sprachbarriere.

Wir befinden uns auf der Baumesse Bygg-Reis Deg. Diese größte Baumesse Skandinaviens mit internationaler Beteiligung findet alle zwei Jahre in LillestrØm bei Oslo statt. Über 55.000 Besucher kamen 2007. In diesem Jahr haben rund 500 nationale und internationale Dienstleister und Lieferanten aus der Baubranche insgesamt 22.000 m² Ausstellungsfläche gebucht.Darunter auch einige Handwerksbetriebe aus Schleswig-Holstein. Die Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) und die Handwerkskammer Schleswig-Holstein bieten norddeutschen Unternehmen erstmals mit einem Gemeinschaftsstand eine Plattform für den Markteinstieg in Norwegen.

„In Norwegen gibt es ein großes Interesse an deutschen Produkten und deutscher Handwerksarbeit. Die Bygg-Reis Deg bietet die ideale Gelegenheit für einen Einstieg in den norwegischen Markt“, erläutert Sybille Kujath, Außenwirtschaftsberaterin der Handwerkskammer Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anna Griet Hansen aus Flensburg ist sie seit einigen Tagen in LillestrØm, um den Aufbau und den Ablauf der Messe zu organisieren.

Bei Rollladen- und Jalousiebauermeister Jacobsen aus Schwentinental hat es funktioniert. Der erste Auftrag ist in greifbare Nähe gerückt. „Gerade norwegische Architekten und andere Auftraggeber haben ein großes Interesse, unsere Produkte kennenzulernen“, erzählt Jacobsen. Zwar seien die Verhandlungen auf Englisch manchmal etwas schwierig, aber in solchen Fällen hilft Petra Sindorf. Die 27-Jährige ist Mitarbeiterin des Norwegenportals „www.tyskehandverkere.no“. Sie berichtet, dass gerade deutschen Handwerksbetrieben viel Vertrauen und Sympathie entgegengebracht werde. „Für die norwegischen Auftraggeber sind zwei Dinge entscheidend“, sagt sie. „Zum einem muss der Preis, zum anderen aber muss auch die Chemie zwischen dem Kunden und dem Handwerker stimmen“.

Torsten Buhse erläutert Wirtschaftsstaatssekretärin Karin Wiedemann seine Produkte.
Die Chemie muss stimmen
Dies scheint bei Thorsten Buhse, Inhaber  der Firma holzArt aus Barsbek, und seinem norwegischen Gesprächspartner in der Tat zu stimmen. Bereits seit geraumer Zeit diskutieren die beiden über das Angebot des schleswig-holsteinischen Betriebs. Die Organisation des Gemeinschaftsstands und die Zuschüsse der WTSH machen es dem kleinen Unternehmen überhaupt erst möglich, sich auf einer internationalen Messe zu präsentieren. Und der 45-Jährige ist nicht zum ersten Mal vor Ort. Bereits vor eineinhalb Jahren hat er erste Aufträge in Norwegen gehabt. „Damals gab es allerdings einige Probleme“, erzählt Buhse. Viele der in Norwegen notwendigen Formalitäten habe er einfach nicht gekannt. Heute laufe es, auch dank der Hilfe der Außenwirtschaftsberatung der Kammer, sehr viel besser, meint er. Der Unternehmer sieht sich ein bisschen in der Rolle eines Pioniers, der ein kleines Stück Weg ebnet für andere Handwerker. Der norwegische Markt böte ein großes Potenzial und schließlich sei man „in einer halben Stunde auf der Baustelle, wenn man die Zeit auf der Fähre nicht mitrechnet“, sagt Buhse lachend. An die 20 Stunden dauert die Fahrt quer über die Ostsee und durch den Oslo Fjord. Aber vielleicht darf man die wirklich nicht mitrechnen.

Bauboom in Oslo
Der im jährlich erscheinenden Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen veröffentliche „Human Development Index“ (HDI) attestiert Norwegen eine besonders hohe Lebensqualität. Der HDI ist eine Maßzahl für den Stand der menschlichen Entwicklung. Die Norweger punkten vor allem mit ihrem Bruttoinlandsprodukt. Das liegt derzeit bei 53,4 US-Dollar pro Kopf. Deutschland belegt der Studie zufolge übrigens Platz 22. Da mag es nicht verwundern, dass die Situation auf dem norwegischen Markt vergleichsweise komfortabel ist. Zwar zeigt die Finanzkrise auch in Norwegen ihre Auswirkungen und die Regierung hat erst kürzlich ein Konjunkturpaket in der Größenordnung von umgerechnet rund 2 Mrd. € verabschiedet; dennoch sind die Investitionen auf hohem Niveau.

Welch wichtiger Wirtschaftspartner Norwegen für Schleswig-Holstein sein kann, zeigt sich auch am Besuch von Karin Wiedemann. Die Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein besuchte am ersten Messetag auch den deutschen Gemeinschaftsstand. Sie zeigte sich vom Pioniergeist der Handwerksbetriebe beeindruckt: „Ich freue mich außerordentlich, dass hier schleswig-holsteinische Handwerksbetriebe ausziehen, um den norwegischen Markt zu erobern“, so Wiedemann beim Rundgang durch die Messehallen. Die Chemie stimmt eben hier in Norwegen, auch wenn die Anfahrt zur Baustelle manchmal länger als 30 Minuten dauert.

Ulf Grünke