Aussichtsreiche Perspektive
Reportage
Schwindelfrei und ohne Höhenangst seilen sich die Industriekletterer der Hamburger Firma Ropeworx von Windkraftanlagen ab. Der stetig wachsende Markt bietet den Servicetechnikern künftig mehr als nur atemberaubende Ausblicke.

Dunkle Wolken bedecken den Himmel über einem Kartoffelfeld nahe Uelzen. Regen prasselt auf den weichen Boden, in dem Torsten Nitzsche mit seinen robusten schwarzen Arbeitsschuhen fast versinkt. Nitzsche ist keiner der Erntehelfer, die an diesem düsteren Sommertag auf den Feldern Erdbeeren und Spargel ernten. Der Hamburger ist Industriekletterer.
Am Körper des 1,60 Meter großen Mannes hängen rund 15 Kilogramm Gepäck. Neben der Sicherheitsausrüstung, bestehend aus Helm, Karabinerhaken, Seilen und Gurten, sind auch ein kleiner Elektro-Schleifer, Kellen, Spachtel, Fotokamera und ein Behälter mit einer klebrigen weißen Masse angebunden. So bepackt will er hoch hinaus – auf ein 100 Meter hohes Windrad. „Wenn ich dort oben hänge, benötige ich zehn Minuten zum Abseilen. Sollte ich also etwas vergessen haben, kostet das unnötig Zeit“, sagt Nitzsche, der den Aufstieg kaum erwarten kann. Schließlich hängt er lieber in der Luft, als festen Boden unter den Füßen zu haben.
Ein junger Beruf
Die gewerbliche Kletterei, wie Nitzsche sie mit seiner Firma Ropeworx anbietet, ist eine junge Disziplin. Laut des Fach- und Interessenverbandes für seilunterstützte Arbeitstechniken e.V. (FISA) gibt es aktuell bundesweit rund 3.000 Kletterer. Die ersten seilten sich 1995 vom Berliner Reichstag ab, den sie mit Tüchern verhüllten.
Zwei Jahre zuvor hing Torsten Nitzsche seinen sicheren Job als Spezialfachschweißer und Werkstoffprüfer bei der Lufthansa-Technik an den Nagel. Der begeisterte Marathonläufer suchte die körperliche Herausforderung und begann ein Sportstudium in Hamburg. Dieses beinhaltete für den Flachländer auch einen Kurs im Klettern. Ihn begeisterte das federleichte Gefühl an der Kletterwand so sehr, dass er sich darauf spezialisierte. „Damals dachte ich nur an den Sport und nicht an einen gewerblichen Nutzen“, sagt Nitzsche heute, der nach seinem Studium eine eigene Halle mit Kletterwand leitete. Auf einer Bergsteigertour im Jahr 1999 sprach ihn ein Freund an, ob er am Seil auch Handwerkerarbeiten ausführen könne. „Damit war die Idee für Ropeworx geboren. Nach und nach fand ich kletterverrückte, ausgebildete Handwerker, mit denen ich unser Service-angebot immer mehr erweitern konnte“, so Nitzsche. Mittlerweile überwinden sechs Mitarbeiter jede Höhe. Ausgebildete Maurer, Maler, Dachdecker und Schlosser arbeiten am Seil dort, wo sonst niemand mehr kostengünstig hinkommen würde. Ihren Einsatzmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Bei der Arbeit bewegen sie sich horizontal und vertikal. Und wenn sie an ihrem Ziel angekommen sind, werden aus den Kletterern wetterfeste Handwerker, die montieren, Fassaden ausbessern, aber auch Bäume beschneiden. „Da spielt natürlich auch eine Portion Abenteuerlust mit hinein“, sagt Torsten Nitzsche, der für seine Kletterer und sich selbst immer wieder neue Einsatzorte sucht.
Immer neue Einsatzorte
Seit diesem Jahr dürfen sich die Ropeworx-Kletterer auch von Windenergieanlagen abseilen. Dafür investierte Nitzsche rund 50.000 € und absolvierte gemeinsam mit seinen Mitarbeitern eine Fortbildung zum Servicetechniker für Windenergieanlagen am Elbcampus der Handwerkskammer Hamburg.
Wachsender Windenergie-Markt
Auf dem stetig wachsenden Markt sieht er große Chancen für sein Unternehmen. Mit Hilfe der Windenergie soll Deutschland unabhängiger vom Öl und der Atomenergie werden. Derzeit sind rund 20.000 Anlagen im Betrieb. Die dabei im Jahr 2008 erzeugten 40 Terawattstunden Strom entsprachen rund 6,4 % des bundesweiten Bruttostromverbrauches. Dieser Anteil soll nach den derzeitigen Vorhaben der Bundesregierung bis 2050 auf 50 % gesteigert werden. Der Bundesverband WindEnergie e.V. rechnet bis zum Jahr 2020 mit einem Anstieg der Beschäftigtenzahlen von derzeit 90.000 auf rund 112.000. Torsten Nitzsche will schon jetzt dabei sein und knüpft Kontakte.
Ausbessern von Rotorblättern
Jede Menge Gepäck müssen die Kletterer mit sich tragen, um sich sicher abzuseilen.
Den ersten Großauftrag konnte er sich bereits sichern. Gemeinsam mit seinen Kollegen wird er Rotorblätter ausbessern. Vor Tagen seilte er sich erstmals an der Anlage ab und fotografierte alle Schäden. Die Aufnahmen und ergänzenden Zeichnungen eines Ingenieurs zeigen, dass Regen, Sturm, Schnee, Hagel und Dreck kleinste Löcher und Risse im Kunststoff hinterließen, die die Demontage zur Reparatur der Rotorblätterschäden nicht rechtfertigen würden. Tagelang würde die Mühle ausfallen. Kosten und Nützen stünden in keiner Relation. Seilen sich jedoch die Kletterer ab, kann die Mühle nach ihrem Einsatz sofort wieder angeschaltet werden. Ein Argument, das den Windmüller bei einem Treffen auf einem Wind-Forum von Nitzsches Service-angebot überzeugte. Der erste Auftrag für Ropeworx für einen Windpark war schnell unterzeichnet. Genauso schnell würde Torsten Nitzsche jetzt gerne hinauf und mit der Arbeit beginnen.
Doch die Kletterer, die für ihre Höhenarbeiten schwindelfrei und nervenstark seien müssen, sind jetzt gezwungen zu warten. Sturm und Regen lassen das Abseilen an der Mühle nicht zu. Für den Windmüller herrschen ideale Bedingungen. Die Service-Techniker könnten bei Windstärken um 60 Stundenkilometer allerdings durch die Luft geschleudert werden.
Lautstark rotieren die Flügel. Die digitale Anzeige im Turm zeigt 1.500 Umdrehungen pro Minute und eine Leistung von rund 1,2 Megawatt. Damit könnten 12.000 Lampen mit je 100 Watt zum Leuchten gebracht werden. Torsten Nitzsche prüft seine Seile und Gurte. Wegen der starken Belastungen, muss er sie regelmäßig austauschen. Sicherheit steht an erster Stelle.
Das Pfeifen der Flügel wird leiser. Die Wolkendecke reißt auf. Der Windmesser im Turm zeigt nur noch rund 12 Stundenkilometer an. Torsten Nitzsche schaltet die Mühle auf „Wartung“. Mit lautem Getöse kommen die 40 Meter langen Flügel zum Stillstand. Der Turm schwankt sichtbar 1,50 Meter in jede Richtung. Stünde Nitzsche jetzt im 100 Meter hohen Maschinenraum, der „Gondel“, würde er hin und her geschleudert werden.
Ein letztes Mal zieht Nitzsche seine Ausrüstung zurecht und zwängt sich gemeinsam mit Wim Noiwenhuis in einen engen blauen Aufzugskorb im Innern der 5 Meter breiten Mühle. Langsam überwindet der Aufzug Meter um Meter. Das Rattern des Korbes schallt in der langen weißen Röhre. Nach dem Ausstieg in 70 Metern Höhe führen Leitern hinauf auf 100 Meter.
Der Turm schwankt noch immer etwa 40 Zentimeter. Oben angekommen treiben den Servicetechnikern in der 3 Meter breiten und 5 Meter langen Gondel 50 °C den Schweiß auf die Stirn. „Die Wärme entsteht durch den Generator. Der wird über die Getriebe durch die Rotation der Blätter angetrieben“, sagt Nitzsche. Langsam öffnete er eine durchsichtige Deckenklappe. Kalte Luft strömt in die Gondel. Mit beiden Armen stemmt er sich auf den Rand. Vor ihm erstrecken sich die Felder und in den wolkigen Himmel ragen zwei der drei 40 Meter langen Rotorblätter. Im Innern befestigt Wim Noiwenhuis die Sicherungsseile. Unzählige Karabinerhaken klicken. Zwei Seile werden gespannt – eines zum Sichern, das andere zum Abseilen. Scharfkantige Ecken werden abgepolstert. Erst jetzt darf Nitzsche auf die Mühle klettern und befestigt auch draußen weitere Haken. „Unser Job ist sicher. Mir ist in Deutschland kein Unglücksfall bekannt“, sagt Nitzsche und genießt den Ausblick: „Auch wenn ich schon auf 4.000 Meter hohen Bergen stand, ist es hier oben auch immer wieder ein tolles Erlebnis.“ Alleine darf er sich nicht abseilen. Für eine eventuell Höhenrettung muss er Wim Noiwenhuis an seiner Seite haben.
An der Nabe, wo alle Flügel zusammenführen, lassen sich beide in ihre Seile fallen und beginnen mit dem Abseilen – jeder an einer Seite des Flügels. Stück für Stück hangeln sie sich an ihm hinunter, schleifen die feinen Risse auf und spachteln sie zu. An der Spitze angekommen, sind es noch 60 Meter bis zum Boden. „Die können wir jetzt genießen. Da die Abseilgeräte zu heiß werden würden, können wir uns nur langsam abseilen“, sagt Nitzsche.
Dunkle Wolken trüben seinen Blick zum Horizont. Der Wind nimmt zu. Kaum sind die Männer am Boden angekommen, beginnt der Regen. Alle Seile werden abgebaut und die Mühle angeschaltet. Mit lautem Getöse beginnt das reparierte Blatt zu rotieren. Die Stromproduktion läuft auf Hochtouren.
Die Industriekletterer von Ropeworx
Säuberungen am Dach des Hamburger Alsterhauses.
Seit 1999 haben die Industriekletterer der Hamburger Firma Ropeworx zahllose Gebäude bestiegen und sich von ihnen abgeseilt. Firmeninhaber und Gründer Torsten Nitzsche arbeitete zunächst alleine und stellte sich mit den Jahren ein Team zusammen, das für unterschiedlichste Arbeiten eingesetzt werden kann. Dazu zählen ausgebildete Maler, Maurer, Schlosser, Dachdecker. Mit der Seilzugangstechnik können sie kleine und mittlere Schäden an Fassaden beseitigen, Schornsteine abtragen, Blitzschutz installieren und vieles mehr.
Torsten Nitzsche achtet darauf, dass seine Mitarbeiter immer wieder Schulungen besuchen. Seit diesem Jahr sind fast alle auch als Servicetechniker für Windenergieanlagen ausgebildet.
Internet:
www.ropeworx.com
Jens Seemann

