Ein Bissen vom Glück
Reportage
Fleischermeister Rudolf Tauscher fertigt Wurst nach den Bedürfnissen von Allergikern individuell an. Iris Junge kann dank seiner Hilfe nach 17 Jahren wieder Bratwurst essen.
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Nach 17 Jahren kann Allergikerin Iris Junge wieder Wurst essen. Fleischermeister Rudolf Tauscher stellt sie nach ihren Bedürfnissen ohne Geschmacksverstärker, Bindemittel und Gewürze her. |
Genussvoll beißt Iris Junge in eine Birne. In Sekundenschnelle werden ihre Lippen dick. Die Zunge schwillt an. Ihr Herz beginnt zu rasen. Iris Junge fällt in Ohnmacht – ein anaphylaktischer Schock, die schwerste Form einer allergischen Reaktion. Ärzte können die 27-Jährige an diesem Herbsttag des Jahres 1993 mit Adrenalinspritzen ins Herz wiederbeleben.
Heute, 17 Jahre danach, hat sie drei solcher Schocks überstanden. Statt 65 Kilo wiegt die 1,75 Meter große Frau nur noch 52. An 20 Kilometer lange Joggingläufe, die sie früher so oft gemacht hat, ist nicht mehr zu denken. Die Muskeln der ehemaligen Kindergärtnerin haben sich so stark zurückgebildet, dass sie nur noch eine Stunde täglich spazieren gehen darf. Die erschreckende Diagnose ihres Allergologen: Iris Junge reagiert auf alle Obst- und Gemüsesorten, viele Fleisch- und Wurstsorten sowie sämtliche Gewürze, Bindemittel und Geschmacksverstärker. Über 200 Stoffe, darunter sämtliche E-Stoffe, füllen ihre Unverträglichkeitsliste. Kleinste Spuren davon führen zum lebensgefährlichen Schock.
Deshalb ist äußerste Vorsicht geboten. Was ihr Arzt nicht freigibt, darf die 44-jährige Frau aus dem mecklenburgischen Crivitz nicht essen. „Mir ist ein großes Stück Lebensqualität genommen worden“, sagt sie. Trotzdem habe sie sich an den Verzicht gewöhnt. „Hauptsache ich lebe“, lautet ihr Motto. Statt Vollkornbrot, Obstsalat und Schnitzel bestimmen Kartoffeln, Reisbrot und in Salzwasser gekochtes Puten- und Rindfleisch ihren Speiseplan. „Es schmeckt grässlich“, so ihr knappes Urteil.
Um überhaupt essen zu können, muss sie vor jeder Mahlzeit Medikamente nehmen. Die blocken kurzzeitig die Bildung des allergieauslösenden Histamins. Jedes Lebensmittel wird unter ärztlicher Aufsicht oder mit einem Bluttest im Labor auf mögliche allergische Reaktionen geprüft. Die Skala reicht von 1 bis 6. Fast jedes Lebensmittel erreicht bei Iris Junge Stufe 6 und würde den Schock auslösen.
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Vor jeder Produktion von Allergiker- |
Iris Junge ruft Rudolf Tauscher in dessen Boddiner Schlachterei an. Aufmerksam hört der 57-Jährige zu. Die Liste der verbotenen Stoffe nimmt kein Ende. Tauscher wird immer stiller. Später wird er sich an den Anruf erinnern: „Ich konnte kaum glauben, dass es so was gibt.“ Dennoch verspricht er der kranken Frau: „Ich werde etwas für sie finden.“
Zwei Tage grübelt der Fleischermeister. Er durchforstet seine Rezeptbücher und ruft Iris Junge erneut an. Sein Versprechen: „Ich mache ihnen eine Bratwurst.“ Iris Junge ist hin- und hergerissen zwischen Freude und Skepsis. Noch einmal weist sie Tauscher darauf hin, dass nur kleinste Spuren von Gewürzen oder Bindemitteln aus vorherigen Produktionen zu ihrem Tod führen würden. Obwohl sie den Schlachter noch nie gesehen hat, vertraut sie ihm schließlich.
Nun wird es spannend. Rudolf Tauscher säubert seine Produktionsräume wie für jeden seiner Allergikerfälle ganz genau. Alle Geräte werden gereinigt. Im sauberen Cutter mischt der Schlachter das Schweinefleisch nur mit Salz und stellt im letzten Moment fest, dass selbst sein geheimes, natürliches Bindemittel ein Obstextrakt enthält, das Iris Junge nicht verträgt. Das Wurst-Experiment droht zu scheitern. Doch Tauscher kommt auf eine besondere Idee, die er bis heute nicht verrät. Er staunt selbst, dass seine Würste nach dem Mischen und Abfüllen tatsächlich halten.
Kaum sind die 150 Bratwürste per Post angekommen, macht sich Iris Junge auf den Weg zu ihrem Schweriner Allergologen. Während die erste Wurst brät, trifft der Arzt alle Vorkehrungen. Adrenalin und Rettungssets stehen für den Ernstfall bereit. Iris Junge schneidet das erste Stück ab, steckt es in den Mund und beginnt zu kauen. Doch schlucken darf sie noch nicht. Erst als sie nach Minuten noch immer kein Brennen, Jucken oder Anschwellen der Zunge spürt, schluckt sie erste Teile. Noch immer ist die Schockgefahr nicht gebannt. Doch Iris Junge spürt auch eine halbe Stunde nach dem ersten Biss keine Allergie-Symptome. Sie genießt den Geschmack von Schweinefleisch und Salz. Später wird sie sagen: „So müssen sich Lotto-Millionäre fühlen. Das war ein Moment das absoluten Glücks. Der Fleischermeister hat Wort gehalten
Allergiker-Fleischer Tauscher
Auf Wunsch eines Kunden fertigte Fleischermeister Rudolf Tauscher aus dem mecklenburgischen Boddin 2004 erstmals eine Wurst für einen Allergiker an. Sein Engagement hat sich unter Betroffenen und Ärzten herumgesprochen. Inzwischen haben selbst Kunden aus Griechenland und der Schweiz Wurst bestellt. Er experimentiert gerne und sieht jeden Fall als eine Herausforderung. Seine Kunden müssen eine Mindestmenge abnehmen und zahlen rund 20 Prozent mehr als für herkömmliche Wurst.
Internet: www.allergiker-wurst.de
Jens Seemann



