„Auf uns kommt ein riesiges historisches Experiment zu“

Bildungsforscher Joachim Gerd Ulrich über die Lage am Lehrstellenmarkt

Die Wende am Ausbildungsmarkt ist da. Der Wettbewerb der Schulabgänger um die beste Lehrstelle wird auch in Westdeutschland zum Wettbewerb der Betriebe um einen Azubi. Politik, Verbände und Betriebe werden sich einiges einfallen lassen müssen. Die gute Nachricht: Viele tun es bereits.

Herr Doktor Ulrich, in diesem Jahr werden rund 877.000 junge Leute die allgemein bildenden Schulen verlassen. Das sind 100.000 weniger als noch 2006. Ist das die erwartete, befürchtete Wende am Ausbildungsmarkt?
Ulrich  Die Schulabgängerzahlen geben drastisch nach. Ja. In der mittelfristigen Betrachtung wird sich durch demographische Effekte die Situation gewaltig verändern. Wir erleben einen Wandel vom Anbieter- zum Nachfragermarkt. Wobei derzeit noch zwischen Ost und West unterschieden werden muss. In Ostdeutschland sinken die Schulabgängerzahlen bereits seit 2001. Oder, deutlicher gesprochen, sie brechen massiv ein. Das ostdeutsche Handwerk ist heute der Wirtschaftsbereich mit dem größten Anteil an unbesetzten Ausbildungsplätzen. Und das, obwohl durch den wirtschaftlichen Wandel viele Lehrstellen verloren gegangen sind. Aber auch im Westen hat der Bewerberrückgang bereits eingesetzt – insbesondere bei den Nichtstudienberechtigten, der Hauptklientel des Handwerks.

Das heißt, die Betriebe müssen sich stärker als bisher um Abiturienten und Bewerber mit Fachhochschulreife bewerben.

Ulrich  Natürlich. In einigen Ländern haben wir ja auch einmalig doppelte Abiturientenjahrgänge. Da könnte das Handwerk fischen. Aber: Trotz Bildungsexpansion wird auch die Zahl der Abiturienten demographiebedingt zurückgehen. Das fängt spätestens 2017 an. Die Hochschulen – und nicht nur die – stehen in den Startlöchern. Es wird bestimmt nicht einfacher für die Betriebe, Abiturienten für die Ausbildung im dualen System zu gewinnen. Der Kampf um schulisch hochqualifizierte junge Erwachsene verschärft sich.

Die Verlängerung des Ausbildungspakts wird gerade diskutiert. Wer ihren Ausführungen folgt, gewinnt den Eindruck, der Pakt ist nicht mehr zeitgemäß?
Ulrich  Na ja. Wenn Politik und Wirtschaft den Pakt verlängern, dann bestimmt unter dem Vorzeichen dynamisch sich veraändernder Marktbedingungen. Zudem werden wir ab 2015 mit dem Phänomen konfrontiert, dass die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt heraustreten. Auf uns kommt ein riesiges historisches Experiment zu mit ungewissem Ausgang: Eine massive Überalterung der Gesellschaft mit immer weniger Jugendlichen. Das wird eine wirklich schwierige Lage, denn Reserven gibt es kaum.

Was ist mit der häufig zitierten „stillen Reserve“? Kann es sich die Wirtschaft ...
Ulrich  Klar, die gibt es. Bundesweit sind das rund 15 % aller Jugendlichen.  Die stille Reserve ist eine sehr heterogene Gruppe. Dazu zählen Leute ohne Schulabschluss, aber auch solche mit Haupt- oder Realschulabschluss, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Berufsabschluss erwerben. Viele kommen aus schwierigen Milieus, wo die Eltern häufig bei der Suche nach einer Lehrstelle keine Hilfe leisten können, auch wenn sie wollten. Man sollte sich bewusst machen, dass die Lehrstellensuche im dualen Ausbildungssystem schwierig ist. Um das zu verdeutlichen: Im Hochschulbereich hat jeder Hochschulberechtigte eine faktische Ausbildungsgarantie. Ein Abiturient kann sich online in 30 Minuten an seiner Uni einschreiben. Die Leis­tungsstarken sind beim Zugang in Ausbildung privilegiert, kommen dazu oft aus einem privilegierten Elternhaus. Die Schwächeren dagegen werden vor die Aufgabe gestellt, auf dem Markt in Wettbewerb um einen Ausbildungsplatz zu treten. Da ist Flexibilität gefragt. Man muss Bewerbungen schreiben, in Auswahlverfahren bestehen, aber auch Frustrationen verarbeiten können.

Weder Wirtschaft noch Politik stehen im Verdacht, die Berufschancen dieser jungen Leute verbessern zu wollen.

Ulrich  Der Eindruck täuscht. Jedes Jahr werden im dualen Ausbildungssystem zum Beispiel rund 20.000 Jugendliche ohne Schulabschluss qualifiziert. Früher lautete die Fragestellung, wohin mit denen? Uns allen ist inzwischen doch klar geworden, auch benachteiligte Jugendliche werden für Ausbildung und Arbeitsmarkt gebraucht. Das ist nicht mehr nur eine sozialpolitische Herausforderung, sondern eine ökonomische. Die Wirtschaft macht hier Gott sei Dank mächtig Druck. Auch integrationspolitisch ist das ein Segen. Wenn wir die stille Reserve abschöpfen wollen, müssen wir Jugendliche aber langfristig individuell begleiten. Das läuft auf Mentorenprogramme hinaus. Konkret: Elternaufgaben werden gegebenenfalls an professionelle Personen delegiert.

Sind die Ausbildungsverantwortlichen auf den Wandel am Markt vorbereitet?
Ulrich  Teils, teils. Viele verlegen sich aufs Klagen darüber, dass sie weniger Bewerbungen bekommen oder ungeeignete Bewerber. Im Nachfragermarkt müssen und werden die Unternehmen viel mehr tun. Die Verbände gehen ja auch in diese Richtung. Im Handwerk gibt es zum Beispiel die Strategie, dass sich Betriebe an die Berufsorientierung der Schulen andocken. Damit verbessern sie ihre Wettbewerbsposition im Ringen um die Jugendlichen erheblich. Die dualisierte Berufsorientierung ist eine gute Sache für die Wirtschaft, die Lehrer und natürlich die Jugendlichen. Sie müsste allerdings noch erheblich verbreitert werden.

Wovon lassen sich Jugendliche bei der Berufswahl leiten. Von ihrem Wissen über Berufsfelder oder von Gefühlen, von Images?
Ulrich  Wir haben das in einer Studie zu quantifizieren versucht. Ganz grob lässt sich sagen, zwei Drittel der Entscheidung werden durch Emotionen geleitet, ein Drittel funktioniert kognitiv, also auf der Basis fundierter Informationen. Die Berufswahl ist eine identitätsrelevante Entscheidung. Der Beruf muss Spaß machen, er muss aber auch gut sozial verorten. Die Jugendlichen fragen nicht nur, welche Ausbildung finde ich gut. Sie fragen auch danach, wie cool andere den Beruf finden. Die wichtigsten Imageträger sind übrigens „intelligent“, „gebildet“, „reich“. Imagewerbung ist gut beraten, wenn sie die Durchlässigkeit, Weiterbildungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven von Berufswegen thematisiert, weil das auf „gebildet“ abhebt. 

Seit Mitte Januar betreibt das Handwerk mit einer bundesweiten Kampagne Imagepflege. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Ulrich  Ich habe mich damit noch nicht wirklich beschäftigt, finde das aber grundsätzlich richtig gut und notwendig. Das Handwerk hat Anlass genug, selbstbewusst zu sein und eindeutig aufzutreten. Allerdings sollte man die Kampagne nicht nur auf Jugendliche beschränken. Bei den Imageproblemen scheint es nicht nur darum zu gehen, wie die Jugendlichen über Berufe denken.  Mindestens genauso wichtig ist, wie die Jugendlichen glauben, wie wir Erwachsene  über Berufe denken. Deshalb müssten wir uns eigentlich auch um die Berufsorientierung der Eltern kümmern.


ZUR PERSON
Dr. Joachim Gerd Ulrich arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Im Mittelpunkt seiner Forschungsarbeit steht für den promovierten Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen die Entwicklung des Ausbildungsmarkts.

Thomas Meyer-Lüttge