Wenn alle schlafen wird hier geschraubt
Autohaus Wichert
Im Autohaus Wichert in der Hamburger Wendenstraße brennt spätabends noch Licht. In der vermutlich bundesweit einzigen Werkstatt, die vier Tage in der Woche rund um die Uhr geöffnet hat, wird geschraubt. Protokoll einer Nachtschicht.
16:20 Uhr – Schichtbeginn
Jede der 20 Bühnen der Werkstatt des Autohauses Wichert in der Wendenstraße in Hamburg ist besetzt. Die Kollegen von der Tagschicht ziehen die letzten Schrauben fest. Gleich haben sie Feierabend. Nicht aber David Moch, Christian Schulz und Jörg Christoph. Das Team der Nachtschicht steht in den Startlöchern. Draußen dämmert es. Wenn der Abend kommt, beginnt für die Mechaniker der Tag.
Sie fahren Autos und Transporter in die Halle. In den nächsten zehn Stunden werden Durchsichten durchgeführt, Öl gewechselt und mit Hilfe von Computern Fehler gesucht.
17 Uhr – Planung der Nacht
Kundendienstmeister Hagen Sens öffnet am Bildschirm den Plan für die Nacht. Anhand der Farben weiß, rot und grün sieht er, an welchen Fahrzeugen gearbeitet wird und welche fertig sind. Die Nacht verspricht ruhig zu werden. Zwölf Aufträge muss er seinen Mechanikern zuteilen. „Das sind recht wenige. Aber man weiß nie, wie viele Notfälle noch dazukommen“, sagt Sens. In der Regel seien es Firmen mit Fuhrparks, Taxifahrer oder auch Pflegedienste und Vertreter, die ihre Wagen Nachts bringen. „Für die verringern sich die Ausfallzeiten“, sagt Sens.
Er nimmt Fahrzeuge entgegen, bespricht Reparaturwünsche und gibt Leihwagen aus. „Bei vielen Kunden kann ich sogar bis spät in den Abend noch anrufen, um Freigaben für die Reparaturen zu bekommen“ sagt Sens. Die kommen bewusst zur Nachtschicht bei Wichert, da niemand sonst rund um Hamburg einen solchen Service anbietet.
19 Uhr – „Mittagspause“
Es wird Abend. In wenigen Räumen des Autohauses brennt noch Licht – auch im Gemeinschaftsraum. Dort stehen Stühle umgedreht auf den Tischen. Die drei Männer der Nachtschicht haben sich einen Tisch freigeräumt. „Jetzt machen wir erst mal Mittagspause“, sagt Jörg Christoph. Viele Worte wechseln die Männer nicht. Vor ihnen stehen Schwarzbrot und Würzfleisch, zwei Joghurtbecher und eine Schale mit dampfenden Nudeln – Stärkung für die Nacht. Jörg Christoph beißt genüsslich in sein Brot und lässt den Blick durch ein Fenster der Halle schweifen. Seit acht Jahren ist hier sein Arbeitsplatz. Er zählt zu den langjährigsten Nachtarbeitern der Firma. Er schraubt, wenn andere schlafen. Nacht für Nacht. Vier Tage in der Woche. „Jetzt ist es hier viel ruhiger als in der Tagschicht – jedenfalls, was die Geräuschkulisse angeht“, sagt Christoph. Anders als die Mitarbeiter der Tagschicht darf er sowohl an Nutzfahrzeugen als auch an Autos und an der Elektronik schrauben. Christoph blickt zur Uhr an der Wand. Der Zeiger springt auf 19:30 Uhr. Er muss zurück zum weißen Transporter – Ölwechsel.
20 Uhr – Noch ein Nachtarbeiter
Im Radio berichtet eine Moderatorin über Nachtarbeiter im Norden. Dafür haben die Mechaniker kein Ohr. Öl läuft über Schläuche in den Motorraum eines Autos, Fahrspuren werden mit Hilfe von Computern eingestellt. Sonst schraubt auch Klaus Erich zu dieser Zeit in der Werkstatt. Heute aber kommt er erst jetzt. Der Altgeselle vertritt derzeit den nächtlichen Kundendienstmeister. Als einziger bleibt der bis Morgens um sieben. Die Kollegen der Teile-Ausgabe schalten das Licht aus – sie haben Feierabend. Jetzt müssen die Mechaniker ihre Ersatzteile selbst am Computer heraussuchen und im Lager finden – eine weitere Besonderheit, die es nur in der Nachtschicht gibt.
21:14 Uhr – Taxi ohne Beleuchtung
Zwei Taxis rollen in die Werkstatt – nur eines von ihnen planmäßig. Beim anderen leuchten die Lampen auf dem Dach nicht. Christian Schulz baut die Beleuchtung ab. Nach wenigen Minuten steht fest: Die Kontakte sind verschmutzt. Schulz reinigt sie. Mit einem Kaffeebecher in der Hand wartet Taxifahrer Jannis Donnis im Kundenbereich. Das defekte Schild hatte er bemerkt, als Kunden in der Innenstadt hinter ihm fahrende Kollegen per Handzeichen riefen – ihn aber nicht. An einer Tankstelle stellte er fest: Das Licht, das sein Taxi als frei kennzeichnet, war defekt. „Jetzt möchte ich es fix reparieren lassen, um Morgen früh wieder fahren zu können“, sagt Donnis. Kaum hat er seinen Kaffee ausgetrunken, übergibt Klaus Erich ihm den Wagen.
22 Uhr – Übergabe
Hagen Sens Bildschirm zeigt inzwischen fast komplett grün. Zeit für ein kurzes Übergabegespräch mit Klaus Erich. Gemeinsam planen sie die letzten Aufträge und Fahrzeugübergabe für den nächsten Morgen. Für heute hat Sens Feierabend.
22:23 Uhr – Anschieben
Mit vereinten Kräften schieben die Männer einen Wagen in die Werkstatt. Keine leichte Aufgabe – der Boden ist mit Schnee bedeckt. Später wird Elektrofachmann Christian Schulz feststellen, dass der Anlasser defekt ist. Da der Kunde aber nicht mehr erreichbar ist, muss die Tagschicht den Schaden beheben.
00:00 Uhr – Inspektionen
Christian Moch hat schon das dritte Auto zur Inspektion auf der Bühne. Seit zwei Jahren gehört er zum Nacht-Team. „Die Vielfalt macht Spaß. Doch die Zeitumstellung an Wochenenden und im Urlaub ist schwierig. Wenn alle anderen ins Bett wollen, werde ich richtig munter“, sagt der 27-Jährige. Der Wagen vor ihm soll am Morgen zur TÜV-Abnahme. Moch muss sich beeilen. In den verbleibenden zweieinhalb Stunden muss er auch bei einem Kombi noch einen Katalysator einbauen, da dieser um sieben Uhr von einem Bringdienst abgeholt werden soll.
01:10 Uhr – Nothilfe
Wieder rollt ein Auto langsam auf den Hof. Hinter Fahrer Peter Schultess liegt eine nervenaufreibende halbe Stunde. Auf dem Heimweg begann der Wagen des Steuerberaters zu vibrieren. Schultess erinnerte sich an den Nachtservice und fuhr langsam zur Wendenstraße. Jetzt hofft er auf schnelle Hilfe. Schließlich braucht er den Wagen am nächsten Morgen beruflich. Mechaniker Christian Schulz wirft einen Blick unter die Motorhaube: Eine Zündspule ist defekt. Im Lager findet er eine passende und baut sie ein. Nach nur zwanzig Minuten sind die Nacht und der folgende Tag für Peter Schultess gerettet.
2:30 Uhr - Schichtende
Die drei Mechaniker packen ihre Werkszeugkoffer zusammen und schalten das Licht der Werkstatt aus. Wieder ist eine Nacht geschafft. Nur Klaus Erich bleibt und betreut bis zum Morgen Annahme und Ausgabe.
Service rund um die Uhr
Im Autohaus Wichert in der Hamburger Wendenstraße wird seit 2001 rund um die Uhr gearbeitet. Bis 2:30 Uhr schrauben bis zu vier Mechaniker - danach sind Annahme und Ausgabe besetzt. Eigentlich war die Nachtarbeit nur für die eigenen Wagen gedacht. Doch auch Kunden fragten immer häufiger nach. Heute können Autos und Nutzfahrzeuge zu jeder Uhrzeit abgegeben werden – Nachts zum gleichen Preis wie am Tag. Diesen Service nutzen auch viele Abschleppunternehmen, die defekte Wagen in die Wendenstraße bringen.
Jens Seemann

