Anwalt der Unterdrückten
Rüdiger Nehberg
Er schuf Frieden für brasilianische Indianer und kämpft gegen Genitalverstümmelungen von Mädchen. Der ehemalige Konditormeister Rüdiger Nehberg ist einer der bekanntesten Menschenrechtler Deutschlands. Sein Motto: „Auch als kleiner Vorstadtbäcker darf ich mich nicht für zu gering halten, um etwas zu verändern.“
Rüdiger Nehberg mit einem Nachbau eines Floßes, mit dem er über den Atlantik segelte, um auf Missstände der brasilianischen Yanonami-Indianer aufmerksam zu machen. |
Der gelernte Konditor ist der Anwalt der Unterdrückten. Ihm verdanken die Yanonami-Indianer im brasilianischen Dschungel Frieden. Er ist es, der seit zehn Jahren mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation Target erfolgreich gegen die Genitalverstümmelung junger Frauen kämpft. Dabei überlässt er nichts dem Zufall: „Ich mache nichts, wenn ich mir nicht sicher bin, dass es funktioniert.“
Die Wahl seines Berufs fiel in Nehbergscher Manier, also pragmatisch. Er war 15 Jahre alt und nach dem Krieg lag das westfälische Münster in Schutt und Asche. In den größten Notzeiten entschied er sich für eine Ausbildung zum Bäcker. „Ich wollte etwas Krisenfestes und da immer gegessen wird, entschied ich mich für die Lebensmittelbranche“, sagt er heute, 20 Jahre, nachdem er seinen letzten Kuchen gebacken hat. Die eigene Konditorei ist seit 1990 verkauft, sein Rezeptbuch verbrannt. Auch in diesem Punkt war Rüdiger Nehberg konsequent – wie im Laufe seines gesamten Berufslebens. Die Grundsteine für seine Selbstständigkeit legte er als Lehrling. 80 Stunden pro Woche schuftete in der Backstube – Kneten, Backen und tonnenweise Kohlen schleppen. Seine harte Arbeit und die Backwaren, die er mitnehmen durfte, machten die Familie satt. „Brot und Kuchen waren oft wertvoller als Geld“, erinnert sich Nehberg.
Nach seiner verkürzten Ausbildung wollte er nicht Bäcker bleiben. Er entschied sich für die aus seiner Sicht kreativere Konditorei. Modellieren und gestalten, das war es, was ihn reizte und ihn zu einer weiteren Ausbildung bewog. Sein Ziel: die Selbstständigkeit. Der Vater, ein erfahrener Banker, richtete ihm ein Konto für den eigenen Laden ein. Auf das zahlte er eifrig ein. Jeden übrigen Pfennig sparte er für Reisen. Da er auf seinen Touren möglichst viel sehen wollte, benötigte er neben Geld viel Zeit. Die gab sein regulärer Urlaub nicht her. Deshalb arbeitete der Konditorgeselle nur für wohlwollende Meister, die ihm mindestens einmal im Jahr vier Wochen unbezahlten Urlaub gaben. Dann erkundete er zu Fuß oder mit dem Rad die Welt. Zum Beispiel fuhr er nach Marokko, um das Beschwören von Schlangen zu erlernen. In Deutschland wurde Hamburg die Heimat des Globetrotters. Dort nutzte er die Weiterbildungsmöglichkeiten und lernte in der Volkshochschule Funken, Navigieren und Fotografieren.
Traum der Selbstständigkeit
Trotz des anhaltenden Fernwehs bewahrte Rüdiger Nehberg seinen Traum der Selbstständigkeit. 1963 war es so weit. Erstmals öffnete er die Tür seines eigenen Geschäfts in Wandsbek – ein kleiner Laden samt Backstube. Seine Freiheit auf Reisen tauschte er dennoch nicht gegen die Arbeit. Seine 50 zuverlässigen Mitarbeiter ermöglichten beides. „Ich konnte mit ruhigem Gewissen zwei Monate weg sein und der Laden lief trotzdem“, sagt er heute stolz.
Konditorei und Reiserei trennte er nicht. Beide Bestandteile seines Lebens waren im Laden deutlich sichtbar. Alle zwei Jahre füllte ein weiteres Buch über seine Abenteuer ein Regal hinter dem Tresen. Und auch die Kunden akzeptierten schnell seine Lebensweise. „Zunächst waren einige abgeschreckt, als sie hörten, dass ich im Wald Würmer und Käfer esse. Dann habe ich aber eine große Glasscheibe zur Backstube eingebaut und den sauberen und hygienischen Teil meines Lebens gezeigt“, sagt Nehberg. In seinem Schaufenster präsentierte er lieber Politik als kunstvoll gestaltete Pralinen. Wenige Tage nach der deutschen Wiedervereinigung modellierte er 1989 den russischen Präsidenten Michail Gorbatschow und verlieh ihm einen süßen Nobelpreis.
Frieden für die Indianer
Auch seine Reisen wurden politischer. Nehberg entwickelte sich zum Menschenrechtler. Während seine Angestellten in Wandsbek backten, kämpfte der Chef im brasilianischen Regenwald für 20.000 Yanonami-Indianer, die von 65.000 Goldsuchern bedroht wurden. Nehberg filmte heimlich die Zustände oder überquerte mit einem Tretboot den Atlantik, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Über 18 Jahre hinweg setzte er die brasilianische Regierung unter Druck und freute sich 1998 über den beschlossenen Frieden. Nehbergs Mission war erfüllt, aber er wollte weiter für Menschenrechte kämpfen. Das ließ sich nun mit der Verantwortung für seinen Betrieb und die Angestellten nicht mehr vereinbaren. Deshalb verkaufte er seine Konditorei und widmet sich seither seinem letzten großen Abendteuer.
Kampf gegen Genitalverstümmelung
Mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation Target kämpft Rüdiger Nehberg seit 2000 gemeinsam mit Vertretern des Islams für die Abschaffung der Genitalverstümmelung von Mädchen. Stolz berichtet er, dass es gelungen sei, zwölf hochrangige islamische Führer an einen Tisch zu bekommen. Sie erklärten den Brauch zur Sünde und schrieben es in ein Goldenes Buch. Dieses will Rüdiger Nehberg kostenlos in den 35 Ländern, in denen der Brauch noch üblich ist, verteilen. Nehberg ist zuversichtlich: „Ich habe gelernt, dass ich mich auch als vermeintlich kleiner Vorstadtbäcker nicht für zu gering halten sollte, etwas zu verändern.“
Target
Im Jahr 2000 gründete Rüdiger Nehberg gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Annette Weber die Menschenrechtsorganisation Target. Sie setzen sich gegen die Genitalverstümmelung von Frauen und Mädchen ein. Ein großer Erfolg war die gemeinsame Veröffentlichung des Goldenen Buches mit den islamischen Führern, in dem der Brauch zur Sünde erklärt wird. Dieses Buch wird in 35 Ländern verteilt.
Internet: www.target-nehberg.de
Bildnachweis: imago
Jens Seemann

Rüdiger Nehberg mit einem Nachbau eines Floßes, mit dem er über den Atlantik segelte, um auf Missstände der brasilianischen Yanonami-Indianer aufmerksam zu machen.