Wenn vier sich finden ...
Geschäftsmodelle
Individualität – das ist die Eigenschaft, mit der Tischler sich und ihre Arbeit wohl am häufigsten charakterisieren. Nicht verwundern kann es da, dass sie auch bei der Ausgestaltung ihres Geschäfts besondere Kreativität an den Tag legen. NordHandwerk stellt drei ungewöhnliche Geschäftsmodelle vor.
In Altona arbeiten vier gestandene Tischlerinnen in der „Werkstatt im Hof“ zusammen – und doch arbeitet jede selbstständig. Wie sich das Modell der Gemeinschaftswerkstatt, 2005 gegründet, in der Praxis bewährt, dazu äußern sich Scholastica Dey, Christiane Kummer, Sabine Hausherr und Lore Penske im Interview.
Künstler bilden Ateliergemeinschaften, Anwälte Bürogemeinschaften – was macht diese Form der Zusammenarbeit auch für das Handwerk, für vier Tischlerinnen, interessant?
Dey Da sind zunächst die Investitionskosten, die geteilt werden. In unserem Modell, wo jede selbstständig ist, ist man relativ unabhängig bei Planung und Akquise. Und andererseits hat man einen riesigen Wissens- und Kompetenzpool und auch Kapazitäten, so dass wir in der Lage sind, gemeinschaftlich größere Aufträge anzunehmen.
Kummer Was außerdem häufig vorkommt, ist, dass wir uns gegenseitig Montagehilfe leisten.
Gegenseitige Unterstützung als großes Plus: Die Tischlerinnen der „Werkstatt im Hof“ verstehen sich als „Wissens- und Kompetenzpool“, nicht als Konkurrenz.
Die Kehrseite könnte sein, dass man dieselben Kunden anspricht und sich in mageren Zeiten Konkurrenz macht. Wie gehen Sie damit um?
Hausherr Diesen Fall haben wir eigentlich noch nicht gehabt – außer gelegentlich bei Ausschreibungen. Das war dann Zufall. Als wir es gemerkt haben, haben wir ein Angebot zurückgezogen.
Kummer Wir gehen sehr offen damit um und schlagen dann beispielsweise vor, einen Auftrag als Arbeitsgemeinschaft zu übernehmen. Wir geben untereinander auch Aufträge weiter, wenn bei einer mal Flaute herrscht und die andere viel zu tun hat. Das gleicht sich ganz gut aus – man ist in beiden Rollen.
Hausherr Jeder kennt das Loch, wenn ein großer Auftrag abgewickelt ist und neue Angebote gerade erst rausgeschickt sind. Das tritt periodisch auf, aber nur ganz selten parallel. So ergibt sich oft die Möglichkeit, den anderen zu entlasten. Das fördert eher ein Gefühl des Miteinanders als des Gegeneinanders.
Warum keine gemeinsame Firma? Dann wäre der Abstimmungsbedarf doch sicher geringer.
Hausherr Jede von uns kann hier ihre individuelle Art, den Arbeitsalltag zu gestalten, beibehalten und muss darüber keine Rechenschaft abgeben. Und ansonsten verkauft man sich gegenseitig seine Arbeitskraft – zum Stundensatz.
Penske Was ebenfalls ein Vorteil ist: Wir machen zwar im Prinzip alle das Gleiche, aber jede hat doch ihren eigenen Stil. Insofern werden auch unterschiedliche Kunden angesprochen.
Bietet sich die Werkstattgemeinschaft auch als eine Form der Absicherung bei Krankheit oder Familienzeiten – Stichwort kranke Kinder, pflegebedürftige Eltern – an?
Hausherr Ja, ich denke schon. Ein Beispiel: Ich habe mir neulich in den Finger gesägt und musste ins Krankenhaus. Da haben zwei hier in der Werkstatt Hammer und Feile fallen lassen und sind sofort eingesprungen, um die Montage für mich zu beenden.
Ist Ihre Form der horizontalen Kooperation weiterzuempfehlen oder funktioniert sie nur in dieser speziellen Konstellation?
Dey Wir kennen uns über die Arbeit zum Teil schon zehn Jahre. Uns allen ist es wichtig, einen funktionierenden und angenehmen Arbeitsplatz zu haben – da haben wir als Frauen in einer Männerdomäne teilweise negative Vorerfahrungen. Dass wir uns immer noch gut vertragen, ist schon etwas Besonderes.
Kummer Es ist wichtig, dass wir viel miteinander kommunizieren. Wenn jede nur ihr Ding machen würde, würde es, gerade auf dem engen Raum, nicht funktionieren.

