Zu lange Tabus beim Sparen
Interview mit Minister Jost de Jager
Finanzkrise, Haushaltskonsolidierung und Sparzwänge. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager ist derzeit wahrlich nicht zu beneiden. Im Gespräch mit NordHandwerk-Redakteur Ulf Grünke gab er sich dennoch entspannt und gewährte auch noch Einblicke in Privates.
Herr Minister de Jager, seit Ihrem Amtsantritt betonen Sie immer wieder, dass Sie Schleswig-Holstein zum wirtschaftsfreundlichsten Bundesland machen wollen. Wie stellen Sie sich das konkret vor?
de Jager In Schleswig-Holstein sind die Wege kurz und gradlinig. Man kennt sich und spricht miteinander. Das zeichnet uns aus. Auf dieser Basis wird in meinem Ministerium derzeit die Offensive für Wachstum und Beschäftigung in Mittelstand und Handwerk auf den Weg gebracht. Wir haben dazu mit allen gesprochen, Einschätzungen und Meinungen eingeholt. Nun gilt es, ein Paket zu schnüren, das als eine Art Regierungsprogramm für unseren Mittelstand das Bewährte fortsetzt und Neues auf den Weg bringt. So viel kann ich jetzt schon sagen: Es ist uns gelungen, die Kräfte zu bündeln. Die guten Absichten werden aber nur dann mit Leben zu erfüllen sein, wenn alle mitmachen. Die Landesregierung traut der mittelständischen Wirtschaft im Lande viel zu. Die Krise hat gezeigt, dass mit ihr buchstäblich ein Staat zu machen ist. Wir werden die Wirtschaft unterstützen und bemüht sein, sie so weit wie möglich von Bürokratie zu entlasten.
Welche Rolle spielt das Handwerk in Ihren Überlegungen?
de Jager Ich bin oft gefragt worden: Warum sprecht ihr in der Offensive von Mittelstand und Handwerk? Ist Handwerk nicht etwa auch Mittelstand? Und ich sage: Ja, das ist uns wohl bewusst. Mit dieser gezielt gewählten Formulierung sollte die besondere Bedeutung des Handwerks herausgestellt werden. Das Handwerk ist sozusagen das Fundament, die Schule der Fertigung. Und – es ist eine tragende Säule unserer Wirtschaft. Ich muss das gar nicht weiter beschreiben, Ihre Imagekampagne illustriert das in einer solchen Deutlichkeit, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Für uns hat das Handwerk einen großen Stellenwert. Einer unserer Schwerpunkte bei der Mittelstandsoffensive liegt insbesondere in der Qualifizierung der Fachkräfte für morgen. Aus- und Weiterbildung sind die Schlüssel für die Zukunft, ganz besonders die Zukunft des Handwerks. Nicht umsonst heißt es: „Der beherrscht sein Handwerk.“ Wir möchten dazu beitragen, dass das hohe Niveau des Handwerks gehalten werden kann. Dazu bedarf es besonderer Anstrengungen, die schon im Bereich der Allgemeinbildung ansetzen müssen.
Ein Schwerpunkt der Landesregierung liegt derzeit auf den umfassenden Sparanstrengungen. Wie wollen Sie die ehrgeizigen Ziele erreichen?
de Jager Sparen ist das Gebot der Stunde, um wieder mehr Gestaltungsspielraum zu gewinnen. Wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt. Zu lange hat es beim Sparen Tabus gegeben. Ein Wirtschaftsminister muss für solide Staatsfinanzen sein, denn das hohe Maß an Verschuldung ist wachstumshemmend und mittelfristig ein Standortnachteil. Denn wenn ein Unternehmer befürchten muss, dass zukünftig Schulen verfallen, Schwimmbäder schließen und Straßen nicht mehr saniert werden, siedelt er sich gar nicht erst an. Die konkreten Sparbeschlüsse werden wir Ende Mai vorlegen und es wird natürlich viele schmerzhafte Einschnitte geben. Aber nur dieser Weg macht uns stark für künftige Herausforderungen. Und ich glaube, das wird keiner besser verstehen als ein Handwerker, der selbst im eigenen Betrieb oftmals unliebsame Entscheidungen treffen und tiefe Täler durchwandern muss.
Passen denn Sparbemühungen und Wirtschaftsförderung überhaupt zusammen?
de Jager Unbedingt – und wir werden uns doppelt bemühen müssen. Beim Sparen und beim Fördern. Das ist kein Widerspruch, sondern eine ganz besondere Herausforderung. Kreativität und Schwerpunktsetzung sind jetzt gefragt. Es ist wie mit einem Flaschenzug: Wenn die richtigen Rollen an den richtigen Stellen drehen, sind mit wenig Kraftaufwand gewaltige Lasten zu stemmen.
Themenwechsel. Das Handwerk hat Anfang Januar eine groß angelegte Imagekampagne gestartet. Wie finden Sie die?
de Jager Mit einem Wort: exzellent.
Hat Ihnen der TV-Spot gefallen?
de Jager Ja – der ist gleichermaßen pfiffig, informativ und eingängig.
Kommen wir vom Wirtschaftsminister zum Menschen Jost de Jager. Wie entspannen Sie sich, wenn der Wirtschaftsminister sein Tagespensum absolviert hat?
de Jager Am besten bei einem Strandspaziergang in meiner Heimatstadt Eckernförde, aber auch bei einem guten Buch.
Zum Schluss die Frage, die wir jedem Wirtschaftsminister stellen. Sind Sie eigentlich selbst handwerklich begabt?
de Jager Die schlechte Nachricht lautet: nein. Die Gute: Ich bin und bleibe damit guter und treuer Kunde des Handwerks in Schleswig-Holstein.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Jost de Jager (CDU)
Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr
Geboren am 7. März 1965 in Rendsburg, verheiratet, ein Kind, Studium der Fächer Geschichte, Englisch und Politik. 1994 bis 1996 Volontariat beim Evangelischen Pressedienst in Kiel. Mitglied der Synode der Nordelbischen Kirche. Von 1996 bis 2005 Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtages. Von 2005 bis 2009 Staatssekretär für Wissenschaft und Technologie.
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Ulf Grünke

