Wie die Weltmeister

Dachdeckerbetrieb forderte „DFB-Allstars“ heraus

2.500 Zuschauer erlebten am 15. Mai in Neumünster das Auftaktspiel des Wettbewerbs „Meister vs. Meister“. Die Lokalmatadore unterlagen mit 4:9 Toren und gingen dennoch mit hoch erhobenem Kopf und unter dem Applaus des begeisterten Publikums vom Platz.

Vielleicht wird ihnen jetzt erst klar, worauf sie sich da eingelassen haben. Dachdeckermeister Sönke Wendt sitzt mit seinen Mitarbeitern Stefan Meseberg, Norbert Pomrehn, Andreas Tode, Gökhan Aktas, Dieter Bindokat, Carsten Möller und Denis Nosowski dicht an dicht in einer zehn Quadratmeter kleinen Umkleidekabine auf dem Sportplatz des TSV Gadeland, am südöstlichen Zipfel von Neumünster. Es ist Samstag, der 15. Mai 2010. Die Uhr zeigt Viertel vor vier. In der Kabine nebenan scherzen Fußballwelt- und Europameister von einst. Marco Bode, Karl-Heinz Riedle, Mario Basler, Andreas Brehme und ganz bestimmt Sepp Maier freuen sich darauf, es den Handwerkern gleich mal so richtig zu zeigen. Gestern haben sie gemeinsam gefeiert. Aber wichtig ist auf dem Platz. Und auf dem Platz  beginnt in ein paar Minuten.
Vor der Tür warten eine Meute Journalisten, 2.500 lautstarke Fußballfans und Ulli Potofski (der aus dem Fernsehen) auf den Anpfiff. Die Dachdecker binden sich ihre Fußballschuhe, zupfen nervös an den Trikots und fummeln ihre Schienbeinschoner zurecht. Ließe jemand eine Nadel fallen, ihr Aufprall auf dem Boden wäre zu hören.

Plötzlich steht eine junge Frau in der Kabinentür. Ein ernster Blick, schwarze Kleidung und das Headset auf ihrem Kopf weisen sie als Offizielle aus. „Ihr nehmt die Jungs mit den blauen Hosen beim Rausgehen an die Hand, die Allstars greifen sich die schwarzen Hosen,“ weist sie die stille Runde an. Weil sich in der Kabine niemand rührt, sagt Sönke Wendt zu seinen Leuten: „Also, dann geht‘s jetzt los.“ In diesem Augenblick schallt die Fußballhymne „Stand up for the Champions“ in ohrenbetäubender Lautstärke über den Platz. Ein Ordner ruft „Gasse freihalten!“ Dann traben die Mannschaften im Applaus und Jubel des Publikums auf den Platz.

Über tausend Betriebe

Über 1.000 Betriebe aus der gesamten Republik hatten sich seit Mitte Februar um Teilnahme am Turnier „Meister vs. Meister“ beworben. Vier bekamen von Mercedes Benz Transporter die Chance, gegen die DFB-Allstars anzutreten – auf dem Kleinfeld über zweimal 30 Minuten. Für die norddeutsche Begegnung fiel die Wahl auf die Dachdeckerei Sönke Wendt aus Neumünster. Auf dem Spielfeld gibt Chef Sönke Wendt die taktische Marschrichtung vor. „Wir machen hier Schadensbegrenzung“, lacht er zwei Stunden vor Anpfiff. „Die Aufstellung ist defensiv, also 1-4-1“. Wenig später übersetzt Stefan Meseberg, der die Bewerbung vor Monaten auf den Weg brachte, bei der offiziellen Vorstellung der beiden Teams  für Moderator Ulli Potofski und alle Fußballlaien am Spielfeldrand: „Hinten mischen wir Beton an. Vorne hilft der liebe Gott.“

Doch der liebe Gott verschläft den Spielbeginn. Und Torwart Andreas Tode tut es auch. Nach fünf Minuten schlägt der Ball bereits zum zweiten Mal beim „FC Flinker Hammer“ ein. Der Keeper macht keine gute Figur. Vorbereiter beider Tore ist Mario Basler. Der gibt den Ball zweimal, von rechts kommend, in den Strafraum zentimetergenau auf Marco Bode. Kurzer Blick, satter Schuss – und das Leder zappelt im Netz. Höhepunkt des verkorksten Spielauftakts ist wenig später die verletzungsbedingte Auswechslung Sönke Wendts. Bei einem Zweikampf mit Stefan Beinlich reißen in seinem Oberschenkel einige Muskel­fasern.

Ohne Chef und ohne Linie

Als der Chef auf der Bank sitzt, verliert die Mannschaft ihre taktische Linie, legt dafür aber auch ihre Nervosität ab. Fortan wird nicht mehr zugeschaut und gemauert, sondern gekämpft. Im Mittelfeld verteilt Stefan Meseberg die Bälle, vorne laufen sich Denis Nosowski, Sascha Milivojevic und vor allem Gökhan Aktas ihre Seelen aus dem Leib. Hinten bieten Dieter Bindokat und Carsten Möller dem Weltmeistersturm Paroli. Ganz hinten wächst Andreas Tode im Tor weit über sich hinaus ...

In der 8. Minute erntet Denis Nosowski den ersten Lohn für das Engagement. Mit einem präzisen 20-Meter-Schuss bezwingt er Sepp Maier. Das spektakulärste Tor des Tages gelingt Gökhan Aktas in der vierzehnten Minute: Mit einem gefühlvollen Lupfer lässt er Sepp Maier, die „Katze von Anzing“, viel älter aussehen als er ist. Die Zuschauer toben vor Begeisterung.

Als Bundesliga-Schiedrichter a. D. Uwe Kemmling nach 60 Minuten das Spiel abpfeift, stehen zwei Teams als Sieger auf dem Platz. Sieger sind die Allstars, weil sie fünf Tore mehr geschossen haben als die Handwerker. Und – Ehre, wem Ehre gebührt ‑ weil sie immer noch Fußball spielen wie von einem anderen Stern. Nur ein bisschen langsamer. Sieger ist aber auch die Dachdeckerei Sönke Wendt, weil sie über die volle Distanz nicht nur mitgespielt, sondern beherzt dagegen gehalten hat. „9:4 ist ein gutes Ergebnis“, sagt Sönke Wendt bilanzierend. Und dass seine Jungs zwar weniger, dafür aber die schöneren Tore geschossen hätten. „Gegen die Allstars zu spielen, das ist natürlich traumhaft. Ein bisschen war es so, als wären wir selber Weltmeister geworden. Das werden wir alle im Leben nicht vergessen.“

Bildnachweis: Seemann/shutterstock/hfr

Thomas Meyer-Lüttge