Das Ende der Bescheidenheit

Handwerk ist innovativ, vielfältig, lebensnah – und viel zu leise

Weil Handwerker lieber ihre Arbeit tun als am eigenen Image zu feilen, erledigen das andere für sie. Der Attraktivität des Wirtschaftszweigs hat das eher geschadet. Höchste Zeit, den fremden Bildern eigene selbstbewusst gegenüberzustellen. Gefordert ist das gesamte Handwerk. Das Handwerk sind Sie!

„Kreativität, Vielfalt, Kundennähe, Verantwortlichkeit und die Chance zur beruflichen Selbstverwirklichung: Dafür und für vieles andere steht Handwerk.“ Sophie Skowronek, Kosmetikerin und erstplatzierte Bundessiegerin ihres Berufs im praktischen Leistungswettbewerb 2009.
Maskenbildnerin ist ihr Traumberuf, Kosmetikerin ist sie schon. Und was für eine. Im vergangenen Jahr trat Sophie Skowronek beim praktischen Leistungswettbewerb des Handwerks an und wurde zur erstplatzierten Bundessiegerin gekürt. Die 22-jährige Schwerinerin geht ihren Weg. Nach der Fachhochschulreife will sie Maskenbild studieren, macht ein Praktikum am Theater und lässt sich im Salon „Barbor Beautyworld“ zur Kosmetikerin ausbilden. „Weil ich unbedingt mit Kopf und Händen kreativ arbeiten möchte“, sagt sie, „weil ich mich identifizieren können muss mit dem, was ich tue, weil ich den persönlichen Kontakt zum Kunden brauche. Und vor allem, weil ich für meine Arbeit selbst verantwortlich sein will.“
Ihren Erfolg hat sich Sophie Skowronek erarbeitet, das nötige Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Und dann hatte sie noch ein bisschen Glück. Ein Glück, das darin besteht, in einem unkomischen Umfeld aufgewachsen zu sein.

Komische Dinge, fragwürdiges Zeug
Eltern tun oft komische Dinge und reden fragwürdiges Zeug. Sätze wie „Geh’ doch nach drüben!“ Ältere Leser, die ihre Kindheit und Jugend in Westdeutschland erlebten, werden sich erinnern. Solcherlei bekam zu hören, wer sich die Haare nur unregelmäßig schneiden ließ, Bruce Springsteen hörte – oder Wolf Biermann –, die Grünen gut fand, sensible Fragen stellte und im Gesamtbild eher unangepasst wirkte.

Den Satz hört man heute nicht mehr. Die Zeit ist über ihn hinweggeschritten. Drüben ist bekanntlich schon lange hier, hier ist drüben und alles eins. Andere Sätze sind zeitlos. Der zum Beispiel: „Wenn du so weitermachst, dann kannst du nur noch Handwerker werden und endest auf dem Bau.“ Die Angesprochenen: heranwachsende Schulverweigerer, aufsässig Pubertierende, hochfrequente Disco- und Partygänger. Kurz: all jene, die Mathematik nicht in den Kopf bekommen und als 14-Jährige weder Vorstellungen von ihrem Traumberuf noch Ideen zur eigenen Rentenperspektive entwickelt haben.

Schreckensszenarium Handwerk

Erziehung heißt oft Verstellung im pädagogischen Interesse und Auftrag. Eltern sagen schnell Dinge, die sie nicht meinen, aber dennoch glauben sagen zu müssen. Tatsächlich steht das Handwerk bei der erwachsenen Bevölkerung hoch im Kurs. Mit dem Alter – und den persönlichen Erfahrungen – steigt die Wertschätzung. Das bestätigt eine repräsentative Umfrage, die das Berliner Meinungsforschungsinstitut „forsa“ im Frühjahr 2008 im Auftrag des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Aktion modernes Handwerk (AMH) durchgeführt hat. Das Ansehen des Handwerks ist insgesamt erfreulich hoch. Ein handfestes Imageproblem hat der Wirtschaftszweig allerdings bei den 14- bis 18-Jährigen – den Azubis, Gesellen und Meistern von morgen.

Handfestes Problem

Von dieser Altersgruppe schätzt gerade einmal ein Drittel der Befragten das soziale Ansehen des Handwerks als hoch ein. Lediglich die Hälfte der Jugendlichen bezeichnen das Handwerk als attraktiven Arbeitgeber. 40 % empfinden Handwerk als altmodisch und nur ein Drittel bringen handwerkliche Produktion und Dienstleistung in Verbindung mit dem Einsatz moderner Technologien.

Jugendliche orientieren sich bei der Berufswahl weniger an fundierten Informationen als an Images. „Deshalb achten sie genau darauf, wie wir Erwachsenen über Berufe reden“, erklärte Bildungsforscher Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung vor einiger Zeit im NH-Interview. „Es ist erschreckend, zu erfahren, was Jugendliche da bisweilen heraushören. Wenn sie nun um einige Berufe einen Bogen machen, hat das leider auch eine Menge mit uns Erwachsenen und unseren eigenen beruflichen Vorurteilen zu tun.“

Es hat auch viel mit den Medien zu tun und deren gängigen Handwerkerkarikaturen. „Modell Einsatz-in-vier-Wänden“: (Bau-)Handwerker, der am liebs­ten die kos­tenneutrale Luxussanierung jeder Schrottimmobilie besorgt, sofern sie nur einer notleidenden Familie gehört. „Modell Daily Soap“: gewerksübergreifend, Hauptsache bekloppt-gutmütig. Schließlich „Modell Verbrauchermagazin“: Übers-Ohr-Hauer, teure Pfuscher,  Schwarzarbeiter und Konsorten. Welcher Handwerker findet sich da wieder? Und welcher Jugendliche möchte so werden? Viele schräge Bilder also, die die größte Imagekampagne in der Geschichte des deutschen Handwerks seit Mitte Januar zu korrigieren versucht. Die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ lautet ihr plakativer Slogan. Was auf den ersten Blick als dreist-alberne Übertreibung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als trefflich.

Mehr Vielfalt geht nicht
4,8 Millionen Menschen arbeiten in einem der über 967.000 Handwerksbetriebe. Das sind 11,9 % aller Erwerbstätigen in Deutschland. Bei einem Umsatz von mehr als 500 Mrd. € leistet das Handwerk einen Beitrag von 8,5 % an der Bruttowertschöpfung in Deutschland. 29 % aller Azubis erlernen ihren Beruf im Handwerk. Sie haben die Auswahl zwischen 151(!) Ausbildungsberufen. Vielfältiger ist kein anderer Wirtschaftszweig. Durchlässiger und offener für Menschen mit unterschiedlichsten (Vor-)Qualifikationen auch nicht. Benachteiligte Jugendliche finden etwa über die Einstiegsqualifizierung (EQJ) Zugang ins Handwerk. Abiturienten eröffnen sich durch die Kombination von Ausbildung und Studium oder die Weiterbildung zum Meister hervorragende Karriereperspektiven. Meistern steht der Weg zur Hochschule offen. Diplomingenieure kommen von der Hochschule und machen sich im Handwerk selbstständig.

Mit der Meisterausbildung bietet das Handwerk die einzige praxisnahe Qualifikation zum Unternehmer an, in fachlicher, betriebswirtschaftlicher und pädagogischer Hinsicht. Der Meister ist das traditionelle und zeitgemäß moderne Leitbild des Handwerksunternehmers. Es steht für bestandsfeste Betriebsführung, hohe Ausbildungskompetenz sowie höchste Produktqualität und -sicherheit.

Seit der Novellierung der Handwerksordnung 2004 und dem Wegfall der Meis­terpflicht für 53 Berufe stellt sich vielen Nachwuchskräften im Handwerk die Frage, wie sinnvoll der Erwerb des Meisterbriefs ist. Schließlich gibts trotz verbessertem Meister-BaföG die Qualifikation nicht zum Nulltarif. Auch kostet es gewaltige Anstrengungen, nach der täglichen Arbeit im Betrieb und am Wochenende für die Prüfungen zu pauken. Und dennoch lohnt der Aufwand – sogar wenn der fachliche Kompetenzgewinn nicht berücksichtigt wird. Das Prädikat Meister gibt den Kunden Orientierung: Er garantiert verlässlich Qualität. Und: Gründungen und Betriebsübernahmen auf Basis der Meisterausbildung sind besonders solide und wachstumsstark. Untersuchungen bestätigen das. Während im Durchschnitt aller Wirtschaftssektoren ein Drittel der Gründungen das erste Jahr nicht übersteht, streicht kaum ein Meisterabsolvent in der risikoreichen Startphase die Segel.

Meisterbrief hin, Wertschöpfungsbeitrag her: Was das Handwerk ausmacht, ist noch vieles mehr. Handwerk ist kleinbetrieblich strukturiert, persönlich und in der lokalen Gesellschaft verankert. Handwerk ist engagiert. Handwerk ist Realwirtschaft pur, steht für solide Finanzierung und Wertorientierung. In gewisser Hinsicht ist Handwerk das Gegenmodell zu deregulierter Globalisierung, von deren allein selig machender Notwendigkeit die Hohepriester des 21. Jahrhunderts, die Ökonomen, unablässig predigen. Und Handwerk ist die stabilste Säule der Volkswirtschaft – wie stabil, das zeigt sich eindrucksvoll in der aktuellen Krise.

Realwirtschaft in Reinkultur

Handwerk ist modern und steckt voller Chancen. Diese Botschaft kommuniziert die Imagekampagne. Sie ist keine Aktion der Kammern und Verbände. Sie muss viel mehr sein als rein institutionelle Werbung. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob es gelingt, die Betriebe mit auf die Reise zu nehmen. Die Kampagne „muss nach außen, sie muss aber eben auch nach innen bis in die Betriebe hineinreichen. Sie muss das Selbstbewusstsein des Handwerkers steigern helfen“, betonte forsa-Chef Manfred Güllner. „Der Handwerker muss stolz darauf sein, ein Handwerker zu sein. Nur dann können die Betriebe ihren notwendigen Beitrag leisten. Wenn der Zahntechniker oder der Friseur niemandem sagt, ‚ich bin Handwerker‘, wie soll das dann jemand erfahren?“ Wer nicht so viel reden will, kann sich durch den Einsatz des Kampagnenmaterials selbstbewusst und öffentlich zu seinem Berufsstand bekennen – alle anderen natürlich auch. Alle Infos gibts im Internet unter www.handwerk.de

Thomas Meyer-Lüttge, Jens Seemann