Sind Handwerker bessere Menschen?
Worüber die Handwerksordnung schweigt
Das Handwerk definiert sich unter anderem über die Abgrenzung zur industriellen Fertigung. Wer Handwerker ist, sagt die Handwerksordnung. Ist Handwerk darüber hinaus auch eine besondere Haltung der eigenen Arbeit, dem Leben gegenüber?
„Manchmal denke ich, der Gesellschaft fehlt ein Stück handwerkliches, klares Denken.“ Metallbaumeister Thorsten Przybyl aus Mühlenrade. |
Przybyl ist seit 13 Jahren Betriebsleiter im väterlichen Unternehmen „Heinrich Przybyl Schmiede und Bauschlosserei“. Elf Mitarbeiter, darunter vier Auszubildende, beschäftigt der Betrieb. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Viel Stahlbau- und Schlosserarbeiten. Geschmiedet wird auch. Doch die Esse bleibt häufig kalt. „Leider“, sagt Przybyl. „Schmieden ist sehr kreativ. Kreativität braucht Zeit, und die hat ihren Preis. Den will nicht jeder zahlen.“
Am wichtigsten ist die Schmiede-Esse für die Ausbildung. Jeder Azubi, der seine dreieinhalbjährige Lehrzeit in Mühlenrade absolviert, schwingt unter ihr den Hammer. Auch wenn die Ausbildungsordnung das von den zukünftigen Metallbauern der Fachrichtung Konstruktionstechnik nicht verlangt. Warum tun sie’s dann? „Weil die Auszubildenden dabei ein Gefühl für das Material bekommen. Wie es warm wird, sich verformt und formbar wird; wie es reagiert, wenn es wieder abkühlt.“ Dadurch entstehe eine Nähe zum Werkstück, eine Empfindung für Qualität und Wertigkeit, erklärt Thorsten Przybyl. „Die Jungs entwickeln ihre Arbeiten teilweise selbst. Bauen und montieren sie. Und zuletzt sehen sie das fertige Stück. Das macht sie richtig stolz und ihr Handwerk wird ein Stück Selbstverwirklichung.“
Im übrigen, meint Przybyl, forme die Identifikation mit der Arbeit die Persönlichkeit. „Wer Achtung vor dem eigenen Tun hat, geht mit sich selbst und anderen respektvoller um. Er engagiert sich für seinen Beruf, aber auch für seine Mitmenschen.“ Dann sind Handwerker also bessere Menschen? „Würde ich so nicht unterschreiben“, lacht Thorsten Przybyl. „Aber sie kommen mir häufig kompletter vor.“
Thomas Meyer-Lüttge

„Manchmal denke ich, der Gesellschaft fehlt ein Stück handwerkliches, klares Denken.“ Metallbaumeister Thorsten Przybyl aus Mühlenrade.