Besser mehr Meister
Gründungswelle
Der Wirtschaft gehen die Azubis aus, dem Land die Handwerksmeister. Kammern, Verbände und Politik bohren dicke Bretter. Erste Erfolge zeichnen sich ab. Globalisierung, Novellierung der Handwerksordnung und Liberalisierung des Zugangs in die zulassungspflichtigen Handwerke haben seit 2004 eine Gründungswelle ausgelöst.
Bald wieder mehr Gründe zum (Meister-)Feiern? Vor der HwO-Novelle 2004 lag der Meisteranteil bei den Gründern im Handwerk (A und B1) bei 75–80 %. |
Man mag darüber streiten, ob sich die Entwicklung der letzten Jahre mit „Dequalifizierungsspirale“ angemessen bezeichnen lässt. Einer Untersuchung des Deutschen Handwerksinstituts zufolge, hatte 2007 nur gut ein Viertel aller Gründer im Handwerk einen Meisterbrief. Vor 2004 lag deren Anteil bei über 75 %. Andererseits ist Offenheit für unterschiedlichste Qualifikationen und die Durchlässigkeit der Karrierewege ein Merkmal des Handwerks. Viele Ingenieure gründen im Handwerk Unternehmen. Auch gibt es zahlreiche Beispiele für Gründer, die über die „Altgesellen-Regelung“ oder ohne jede fachspezifische Qualifikation an den Start gingen und später ihren Meister gemacht haben.
Anlass zur Sorge gibt vor allem der Umstand, dass seit 2004 der Meisteranteil im Handwerk nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Zahlen zurückgegangen ist. Gleiches gilt für den Erwerb des Meisterbriefs. Damit droht nicht nur die Qualifikationsbasis des Handwerks aufzuweichen, sondern auch der Kern, um den herum sich die Identität des Wirtschaftszweigs aufbaut. Und für die Gesellschaft bedeutet der Trend weit mehr als nur ein Nachgeben der Ausbildungsquote und -qualität.
Handwerksorganisationen und Politik unternehmen viel, um dem entgegenzuwirken. So hat der Gesetzgeber zum Juli 2009 erhebliche Verbesserungen beim Meister-BAföG in Kraft gesetzt. Die Aufstiegsqualifikation Meister soll nicht an ihrer Finanzierung scheitern: Der Kreis der Anspruchsberechtigten wurde erweitert, nach bestandener Prüfung winkt den jungen Meisterinnen und Meistern ein Darlehensteilerlass, Eltern und Alleinerziehende bekommen einen Kinderzuschlag. In einigen Bundesländern werden Betriebsgründungen durch „Meistergründungsprämien“ unterstützt. Die stetig wachsende Abfrage der bereitgestellten Mittel zeigt, dass die unternommenen Anstrengungen erfolgreich sein können.
Schlüsselrolle für die OrganisationenEine Schlüsselrolle kommt dabei den Kammern, Fachverbänden, Innungen und Kreishandwerkerschaften zu. Über den direkten Kontakt zu den Lehrlingen in ihren Bildungseinrichtungen leisten sie viel Überzeugungsarbeit. Sie wird begleitet von ideenreichen Imagekampagnen, die auf allen Ebenen gefahren werden. Beispiele sind die Initiative der Aktion Modernes Handwerk (AMH) „Meister wissen wie’s geht“ oder die aktuelle Kampagne der beiden Handwerkskammern in Mecklenburg-Vorpommern „Besser ein Meister“.
Die Argumentation für die Meisterausbildung ist einfach. In einer Umfrage vom Frühjahr 2008 wollte die Handwerkskammer Düsseldorf von selbstständigen Handwerksmeistern wissen, worin sie die Pluspunkte ihres Meisterbriefs sehen. An erster Stelle nannten die Befragten „mehr Fachkompetenz“ (78,6 %), gefolgt von „bessere Marktchancen durch das Qualitätssiegel Meister“ (58,3 %), „höheres gesellschaftliches Ansehen“ (41,5 %), „mehr berufliche Zufriedenheit“ (40,1 %) und schließlich „verbesserte Unternehmens- und Personalführungskompetenz“ (34,3 %). Außerdem sind Existenzgründungen auf Basis der Meisterausbildung außerordentlich beständig und wachstumsstark.
Thomas Meyer-Lüttge

Bald wieder mehr Gründe zum (Meister-)Feiern? Vor der HwO-Novelle 2004 lag der Meisteranteil bei den Gründern im Handwerk (A und B1) bei 75–80 %.