Tradition aus Ton gebaut
Töpferei Stock in Kappeln
Die Töpferei gehört zur Kulturgeschichte des Menschen. Erste Keramikgefäße datieren aus der Zeit um 18.000 v. Chr. Damit zählt das Töpferhandwerk zu den ältesten überhaupt. Trotz langer Tradition gibt es heutzutage nur noch wenige Betriebe. Wir waren zu Gast bei der Töpferei Stock in Kappeln, die in dritter Generation erfolgreich arbeitet und ausbildet.
Gute Laune, die ansteckt. Das fast komplette Stock-Team in der Werkstatt. Von links Rüdiger Stock, Johanna Barth, Debora Stock und Hannes Matzen. |
Wie mag wohl eine Töpferei aussehen? Beim Versuch, sich das vorzustellen, haben schicke Neubauten im Gewerbegebiet keinen Platz. Natur, Ton, uralte Produktionsweise, gewachsene Strukturen – das sind die Parameter, die die Erwartung beeinflussen. Und diese wird bestätigt. Ein 1890 erbautes Wohnhaus mit schmuckem Vorgarten bildet die Urzelle der Töpferei Stock in der Grünen Straße 1 in Kappeln. Zahlreiche Anbauten, die im Laufe der Jahre erfolgten, beherbergen heute auf rund 250 Quadratmetern Fläche den 1947 gegründeten Betrieb – mit Ausstellungsraum, Lager, den Räumen für die Vorarbeiten und das Brennen und natürlich die Werkstatt. Um die sechs Tonnen Ton werden hier Jahr für Jahr verarbeitet
Chefin ist Debora Stock, die Enkelin der Gründerin. Eine offene, sympathische 40-jährige Frau, der die Rolle der Betriebsinhaberin trotz erblicher Vorbelastung nicht automatisch zufiel. „Ich habe lange mit mir gerungen“, sagt sie. Ihr vorrangiges Interesse galt zunächst Sozialprojekten und führte sie unter anderem zweimal ins westafrikanische Ghana. Erst 1994 entschloss sie sich zur Lehre im elterlichen Betrieb. „Lehre ja. Aber ich habe meinen Eltern gleich klargemacht, dass ich mich nicht zur Betriebsübernahme drängen lassen möchte.“ Die Erfahrungen aus der Kindheit, dass bei viel Arbeit im Vergleich zu anderen Gewerken wenig übrig blieb, hatten sich eingeprägt.
Nach bestandener Lehre arbeitete sie zunächst längere Zeit als Gesellin. Nach Geburt ihres zweiten Kindes fasst sie den Entschluss, den Betrieb zu übernehmen. Mittlerweile weniger aus rationalen Erwägungen, sondern aus der gereiften Überzeugung, in dem Beruf Erfüllung zu finden. Das war 2009.
Nach wie vor gehören Vater Rüdiger und Mitarbeiterin Gundela Jürgensen zum Team. Neu dabei sind die Lehrlinge Johanna Barth und Hannes Matzen. Ehemann Niklas ist bei der Büroarbeit behilflich. Bei Bedarf kommt auch die 4. Generation ins Spiel. „Mein 14-jähriger Sohn Ajamo mischt nach Rezeptur die benötigten Tonsorten.“ Und beim Versand hilft eine Freundin der Familie. „So kann ich mich voll und ganz auf die Arbeit in der Werkstatt konzentrieren.“
Höhere Lebensqualität
Das Töpferhandwerk selbst scheint aufgrund der Arbeit mit einem Naturstoff und der kreativen Entfaltungsmöglichkeit große Arbeitszufriedenheit zu erzeugen. Selten war bei einem Betriebsbesuch eine derart gelassene und entspannte Atmosphäre spürbar. Debora Stock spricht von „höherer Lebensqualität“, die das Wesen des Töpferns am besten charakterisiere. „Burnout gibts bei uns nicht.“ Wer sich für das Töpfern entscheide, habe auch Freude an der Arbeit.
Die gute Stimmung in der Werkstatt verkörpert am besten Vater Rüdiger. Befreit vom Ballast der Selbstständigkeit wirkt seine gute Laune ansteckend. Auch die Lehrlinge gehen mit Hingabe, Konzentration und Liebe zum Detail ihrer Arbeit nach. „Schade, dass in unserem Beruf so wenig ausgebildet wird. Ausbildung macht einfach unheimlich Spaß“, sagt Debora Stock. Ihr Vater hat über 40 Lehrlinge ausgebildet. „Ich möchte auch weiterhin möglichst jedes Jahr ausbilden. Allerdings fällt es schwer, Nachwuchs zu finden“, so Debora Stock.
„Drehwerk Angeln“
Insgeheim hofft sie, dass auch einige ihrer 15 Berufskolleginnen und -kollegen, mit denen sie sich gemeinsam in der Kooperation „Drehwerk Angeln“ zusammengeschlossen hat, ihrem Ausbildungsbeispiel folgen werden. Eine regionale Kooperation ohne jegliche Spur von Konkurrenzdenken. „Wir setzen beruflich unterschiedliche Schwerpunkte und profitieren vom Erfahrungsaustausch und als Einkaufsgemeinschaft.“
Arbeitsschwerpunkt der Töpferei ist die klassische Scheibentöpferei. Dekokeramik und Accessoires aus Ton gehören ebenso zur Produktpalette. Darüber hinaus wurden auch schon Mosaikkeramiken gefertigt, die an exponierten Stellen wie dem Rathausmarkt das Stadtbild Kappelns prägen. „Die Scheibentöpferei bleibt sicherlich unser Schwerpunkt. Ich möchte mich in Zukunft aber verstärkt der Innengestaltung widmen“, sagt Debora Stock. Vor allem individuell gestaltete Badezimmer und Küchen schweben der Töpferin als zukünftige Arbeiten vor. Die Chance ist da, setzt sich die Kundschaft doch überwiegend aus Privatkunden zusammen. Dabei profitiert der Betrieb auch vom Tourismus. „Im Sommer machen wir 80 Prozent des Umsatzes mit Touristen.“ Viele davon Stammkunden mit Sammelleidenschaft.
Der Betrieb ist bekannt und deshalb stört auch nicht die Lage im eher ruhigeren Stadtrandbereich. „Eine Betriebsverlegung ins Stadtzentrum ist illusorisch“, so Stock. Selbst der Versuch mit einem Ladengeschäft in der Innenstadt ist gescheitert. „Unsere Kunden wollen sehen, wie etwas entsteht. Deshalb kann man das Ladengeschäft nicht von der Werkstatt abkoppeln“, ist sie überzeugt. Und so schauen die Kunden in der Grünen Straße auch stets in die Werkstatt. „Bei uns ist jeder Tag ein Tag der offenen Tür.“
Pötte, Punsch und Pannkoken
Höhepunkt im betrieblichen Alltag ist die traditionelle „Pötte, Punsch und Pannkoken“-Veranstaltung in der Adventszeit, bei der die komplette Werkstatt weihnachtlich geschmückt und zum Verkaufsraum umgestaltet wird. Rund 600 Menschen kommen Jahr für Jahr zu dieser Einstimmung auf die Festtage.
Ein weiteres schönes Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit in einem Handwerk, das dem Kunden zugewandt ist und bei dem sich nur die Scheibe im Kreise dreht.
Bildnachweis: Haumann
Andreas Haumann

Gute Laune, die ansteckt. Das fast komplette Stock-Team in der Werkstatt. Von links Rüdiger Stock, Johanna Barth, Debora Stock und Hannes Matzen.