Handwerk hat viel zu bieten

Interview mit Signe Jonatzke

Starker Auftritt: Wenn Signe Jonatzke und Christian Werft mit den blauen Fahrzeugen vom Projekt „Handwerk ist mehr“ durch Schleswig-Holstein touren, ist ihnen Aufmerksamkeit sicher. An Schulen werben sie für die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten im Handwerk.

Was verbirgt sich hinter dem Projekt „Handwerk ist mehr“?
Jonatzke Wir reagieren mit diesem Projekt auf den vermehrten Bedarf an Fach- und Führungskräften im Handwerk. Mit gezielten Beratungs- und Informationsangeboten an Schulen in Schleswig-Holstein wenden wir uns an die Schüler der Sekundarstufe I und II. Ziel ist es, die Jugendlichen für eine Ausbildung im Handwerk zu sensibilisieren.

Wie kann das erfolgreich gelingen?
Jonatzke Wichtig ist, dass sich die Jugendlichen zunächst ihrer Vorbehalte bewusst werden, die sie gegenüber dem Handwerk haben. Sie bringen es oft mit körperlicher Schwerstarbeit, schmutzigen Baustellen, einfacher Arbeit, geringem Verdienst oder Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten in Verbindung. Ihnen ist kaum bewusst, dass das Handwerk mehr als 150 interessante und abwechslungsreiche Ausbildungsberufe umfasst, die alles andere sind als schlicht, oder „uncool“. Handwerk hat sehr viel zu bieten. Genau dort setzen wir an.

Wie wollen Sie die Jugendlichen für das Handwerk begeistern?
Jonatzke Hier hilft Authentizität. Wenn wir in die Schulen z. B. einen Lehrling als Referenten mitnehmen, sind die Schüler oft sehr begeistert über die lebendigen Schilderungen aus der Praxis. Dass die Referenten fast im gleichen Alter wie die Schüler sind, schafft Nähe und baut Hemmschwellen vor konkreten Nachfragen ab. Ein absolutes Muss sind auch die Filme, die mit dem Comedian Simon Gosejohann für die Imagekampagne gedreht wurden. Wir setzen sie in unseren Präsentationen ganz gezielt ein. Wenn es uns gelingt, den Blick der Schüler für das Handwerk zu öffnen, ändert sich auch deren Blickwinkel. Die Jugendlichen sind dann sehr offen für Informationen rund um das Thema Ausbildung im Handwerk.

Welche Themen spielen in Ihren Schulpräsentationen eine Rolle?
Jonatzke Wir informieren sie über attraktive Handwerksberufe, die bei den Jugendlichen gar nicht unbedingt mit dem Handwerk in Verbindung stehen, wie z. B. den Orthopädietechniker oder den Fotografen. Dass Handwerk auch für Karriere stehen kann, ist vielen jungen Menschen neu, z. B. die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung in Kombination mit einem Studium an der Fachhochschule. Auch Existenzgründung ist Thema, ebenso wie die verschiedenen Auslandsprojekte der Handwerkskammern, die den Jugendlichen auch während einer Ausbildung die Tore für begehrte Auslandserfahrungen öffnen.

Was bringt den Betrieben „Handwerk ist mehr“?
Jonatzke Aufmerksamkeit! Unser Ziel ist es ja, Auszubildende für das Handwerk zu gewinnen. Wir bringen das Handwerk ins Gespräch, und zwar dort, wo die Jugendlichen sind, also in den Schulen. Das ist umso wichtiger, je mehr die einzelnen Wirtschaftsbereiche im Zuge des demographischen Wandels um Nachwuchs kämpfen.

Können sich Betriebe einbringen?
Jonatzke Unbedingt! Referenten aus unterschiedlichen Berufen sind bei uns willkommen. Außerdem ist in unserem Projekt der Austausch sehr wichtig. Wir bringen unser Projekt verstärkt bei den Kreishandwerkerschaften in Schleswig-Holstein ein, besuchen vereinzelt Betriebe und machen unser Angebot so weiter publik. Die Vernetzung mit allen wichtigen Multiplikatoren aus den Bereichen Schule, Berufsberatung und Handwerk rundet unsere Arbeit ab.

Was raten Sie Betrieben bei der Suche nach Auszubildenden?
Jonatzke Handwerksbetriebe sollten offen sein für die Bewerber – vom Absolventen der 9. Klasse bis hin zum Abgänger mit Fachhochschulreife oder Abitur. Starke Schüler sind häufig daran interessiert, schnell Verantwortung zu übernehmen, und haben langfristig Führungsaufgaben in ihrem Fokus. Wenn Unternehmen darauf spekulieren, ihr Unternehmen zum Beispiel altersbedingt an einen Nachfolger abzugeben, sollten sie ihre Bewerber entsprechend frühzeitig aussuchen und vor allem passgenau fördern. Ebenso sollten ihre zukünftigen Auszubildenden die Chance bekommen, sich berufsbegleitend weiter­zu­bilden. Machen Sie den Bewerbern klar, was Ihr Unternehmen ausmacht und zu bieten hat und wo die individuelle Reise hingehen könnte. Und öffnen Sie die Türen für Frauen in Handwerksberufen.

 

Bildnachweis: Schomakers

Anja Schomakers