Es bleibt viel zu tun
In Deutschland wird viel erfunden, im Norden zu wenig geschützt
Benno Hansen aus Oevenum hat eine Maschine entwickelt, die einen bedeutenden Beitrag im Küstenschutz leisten wird. Vermutlich. Mit Sicherheit zeigt er, dass zur erfolgreichen Erfindung auch Schutz und Vermarktung gehören. Eine Titelgeschichte für norddeutsche Tüftler.
Erfinder Benno Hansen aus Oevenum, Föhr. |
Deutsche Erfinder halten im internationalen Vergleich ihren Platz in der Spitzengruppe. In Europa sind sie nach wie vor führend. Über 47.000 Patente meldeten deutsche Entwickler und Firmen 2010 als Patent beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) an. Rund die Hälfte davon stammte von kleinen und mittleren Unternehmen.
Bemerkenswert daran ist, dass drei Viertel aller deutschen Anmeldungen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg kommen. Während in Baden-Württemberg pro 100.000 Einwohner 138 Patente gemeldet wurden, waren es in Hamburg 51, in Schleswig-Holstein 20 und in Mecklenburg-Vorpommern ganze neun.
Die Gründe für das Nord-Süd-Gefälle sind vielschichtig. Mit mangelndem Erfindergeist haben sie am wenigsten zu tun. Eher – und neben vielem anderem – damit, dass das weite Feld der Schutzrechte im norddeutschen Bildungssystem kaum vorkommt. Verlierer dabei sind die innovativen Betriebe selbst. Wenn Erfinder ihre Entwicklungen nicht schützen, tun es andere für sie – und ziehen den wirtschaftlichen Nutzen daraus.
Dass es auch anders geht, zeigt zum Beispiel Benno Hansen. Der 78-jährige Handwerksmeister hat in jahrelanger Arbeit eine Sandsackfüllmaschine konstruiert und zum Patent angemeldet. Einen Lizenznehmer hat er auch gefunden. Die Serienfertigung läuft bald an. Für einen Entwickler ist das wie sechs Richtige im Lotto – oder wenigstens fünf.
Ums Geldverdienen geht es Hansen dabei gar nicht primär. Wenn ein Teil der Entwicklungskosten zurückflössen, sei das schon in Ordnung, sagt er. „Ich sehe Probleme und überlege, was man tun kann, um Leuten zu helfen.“ Darum hat er auch die Nutzungsrechte an seiner Entwicklung abgetreten. Denn nur ein größerer Kooperationspartner kann eine relevante Stückzahl produzieren. Zwei Maschinen hat Hansen in Handarbeit selbst gefertigt. Sie sind auf Amrum und Föhr erfolgreich im Einsatz. „Mehr bekommen wir nicht hin. Das läuft bei uns ja nur nebenher.“
Wir, das ist die Auto Hansen GmbH in Oevenum auf Föhr. Benno Hansen, gelernter Landmaschinenmechaniker und Kfz-Meister, hat die Firma 1966 von seinem Schwiegervater übernommen. Aus dem vormals landmaschinentechnischen Betrieb machte er eine Kfz-Werkstatt. Vor 20 Jahren haben seine Söhne Julius und Boy die Firma übernommen. Heute ist sie eine moderne Toyota Vertragswerkstatt mit neunköpfigem Team. Neben dem Karosserie- und Lackierbereich hat der Senior eine kleine Entwicklungswerkstatt. In den vergangenen Jahren hat er viele Stunden dort zugebracht. Mit seiner Sandsackabfüllmaschine.
Immer auf die Finger
Wie verfällt man auf den Gedanken, eine Maschine zum Abfüllen von Sandsäcken zu erfinden? „Das war im Sommer 2002 während des Elbhochwassers“, erinnert sich Hansen. Wochenlang gingen die immer gleichen Bilder von der als Jahrhunderthochwasser klassifizierten Katastrophe durch alle Medien. Erschöpfte Feuerwehrleute und Soldaten, aber auch Frauen und sogar Kinder schaufeln mühsam Sand in Säcke, um den Wassermassen etwas entgegenzusetzen.
„Man muss das mal mitgemacht haben, um zu verstehen, was das eigentlich heißt“, sagt der Erfinder. Als ehemaliges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr hat Hansen selbst manche Sturmflut mit Sandsack und Schaufel in Händen erlebt: „Das ist harte Knochenarbeit. Man ermüdet schnell, wird unaufmerksam und fängt dann an, den Kameraden mit der Schaufel die Finger blutig zu schlagen. Außerdem kann man die Sandsäcke von Hand nicht gleichmäßig befüllen. Die unterschiedlichen Füllmengen bringen die Arbeit immer wieder ins Stocken und gehen beim Werfen und Fangen kräftig in den Rücken.“
Robust, einfach, stark, mobil
Der Handwerksmeister macht sich ans Werk. Vier Forderungen stellt er an sein Projekt: Die Maschine muss robust sein, weil sie unter extremen Bedingungen zum Einsatz kommt; sie muss einfach sein, damit sie im Störungsfall vor Ort schnell repariert werden kann; sie muss leistungsstark sein; sie muss überall sofort einsetzbar sein. Nach nur neun Monaten Arbeit steht ein erstes funktionsfähiges Modell der Sandsackfüllmaschine in der Werkstatt. Der Erfinder meldet Gebrauchsmusterschutz. Einige Monate später erfolgt die Patentanmeldung.
Externe Beratung fast unverzichtbar
Durch die Erteilung eines Patents erhält der Patentinhaber eine Art Monopolstellung für die Verwertung seiner Erfindung Um derart privilegiert zu werden, muss jede Erfindung ein komplexes, gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren durchlaufen. Großunternehmen haben eigene Patentabteilungen, die sich mit der Organisation aller Prozesse zur Erlangung von Schutzrechten befassen. Für kleinere Betriebe ist die Hilfe externer Experten fast unverzichtbar. Bei der Erstberatung können das neben anderen die Technologie- und Innovationsberater der Handwerkskammern sein oder die Patentinformationszentren (PIZ) als anerkannte Kooperationspartner des Deutschen Patent und Markenamtes. Benno Hansen hat sich von einem Patentanwalt durch das gesamte Verfahren begleiten lassen.
2009 ist die Entwicklungsarbeit an der Sandsackabfüllmaschine endgültig beendet. In zahlreichen Vorführungen hat sie ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Eine Maschine wird nach Amrum verkauft, eine weitere tut auf Föhr verlässlich im Katastrophenschutz ihren Dienst. Die Presse berichtet. Hin und wieder erreichen interessierte Anfragen den Oevenumer Betrieb.
Der Countdown läuft. Mitte März präsentieren Frank Walter (li.) und Stefan Pollisch (M.) die serienreife Version der Sandsackfüllmaschine einem internationalen Publikum auf der Handwerksmesse in München. Im Bild rechts: Stephan Wolfrat, Innovations- und Technologiebeauftragter der Handwerkskammer Flensburg. |
„Erfinder sucht Unternehmer“
Den Kontakt zwischen dem Erfinder und seinem späteren Kooperationspartner stellt Stephan Wolfrat her. Der Innovations- und Technologiebeauftragte der Handwerkskammer Flensburg lädt Hansen im November 2010 zur Ausstellung „Erfinder sucht Unternehmer“ ein, die er gerade vorbereitet. Außerdem spricht er Unternehmen an, die sich für Hansens Maschine interessieren könnten. Unter den Angesprochenen sind Stefan Pollisch und Frank Walter. Die Jungingenieure arbeiten für das Handwerksunternehmen „Wkroglowski GmbH & Co. KG – Edelstahl und Anlagenbau“ in Felde bei Kiel. Beide sind von der Sandsackfüllmaschine überzeugt. Mit ihrem Chef Wulf Kroglowski beschließen sie, das Produkt in die Fertigung des Betriebs zu übernehmen. Ein Kooperationsvertrag mit der Erfinderfamilie wird geschlossen, eine eigene Vertriebsgesellschaft, die Areotech GbR (i G.), gegründet und die Maschine für die Serienfertigung vorbereitet. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren.
In der Zwischenzeit war auch die Kammer Flensburg nicht untätig. Sie sorgte in der Person Stephan Wolfrats dafür, dass Areotech die Sandsackfüllmaschine auf einem Gemeinschaftsstand während der Internationalen Handwerksmesse (ihm)in München Mitte März auf großer Bühne vorstellen kann. „Etwas Besseres“, sagt Stefan Pollisch, „kann uns zur Markteinführung gar nicht passieren.“
Für Erfinder Benno Hansen gilt: Mission erfüllt. „Meine Erfindung kommt auf den Markt, sie wird von einem Handwerksbetrieb gefertigt und sie bleibt in Schleswig-Holstein. Mehr geht nicht“, sagt er.
Bildnachweis: Meyer-Lüttge/Seemann
Thomas Meyer-Lüttge

Erfinder Benno Hansen aus Oevenum, Föhr.
Der Countdown läuft. Mitte März präsentieren Frank Walter (li.) und Stefan Pollisch (M.) die serienreife Version der Sandsackfüllmaschine einem internationalen Publikum auf der Handwerksmesse in München. Im Bild rechts: Stephan Wolfrat, Innovations- und Technologiebeauftragter der Handwerkskammer Flensburg.