Pilgerreise zur Wiege der Brillenmacherei

Von Henstedt-Ulzburg nach Venedig

Nürnberg, Augsburg und Venedig haben eines gemeinsam – hier waren die ersten Brillenmacher beheimatet. Jörn Dackow aus Henstedt Ulzburg ist selbst einer und besuchte die Städte auf seiner 1.600 Kilometer weiten Pilgerreise.

Vier Wochen lang wusste Jörn Dackow beim Aufstehen nicht, wo er am Abend ins Bett gehen wird. „Das war ein Stück Freiheit“, sagt der Augenoptikermeister aus Henstedt-Ulzburg. Augenoptik allein reicht ihm nicht. Dackow gehört in Deutschland zu einer handvoll Brillenmachern. Sie bauen Brillengestelle noch in Handarbeit. Damit verbunden ist eine Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert reicht. Um mehr über die ers-ten Brillenmacher zu erfahren, brach Jörn Dackow auf zu einer 1.600 Kilometer weiten Pilgereise von Henstedt-Ulzburg bis nach Venedig - zur Wiege der Brillenmacherei.

Einen Monat benötigte er per Anhalter, Bahn und 300 Kilometern Fußweg. Mit 16 Kilogramm Gepäck an einer Raststätte von seiner Frau ausgesetzt, startete Dackows Bildungsreise, wie er selbst den Trip nach Italien gerne nennt.

Auf seiner ersten Station, dem Kloster Wienhausen bei Celle, sah er die nachweislich ersten deutschen Brillen. Diese waren bei Restaurierungen gefunden worden. Nach weiteren Aufenthalten im optischen Museum von Jena und auf der Wartburg nahe Eisenach besuchte er Brillenmacherkollegen in Treysa und Frankfurt. In Süddeutschland angekommen zog es ihn  in die einstigen Zentren der Brillenmacherei – Nürnberg und Augsburg. Während es Augsburger Brillenmachern im 15. Jahrhundert erlaubt war, ihr Wissen in die Welt zu tragen, blieb den Nürnbergern das Reisen verwehrt. Einige flüchteten nach Augsburg. Auf deren Spuren wanderte Jörn Dackow. In Augsburg besuchte er das Haus des damals bedeutendsten Brillenmachers Johann Wiesel, besser bekannt als Augustanus Opticus. Über Österreich und die alte Handelsroute über den Brenner erreichte Jörn Dackow schließlich Venedig. Auf der Insel Murano hatten Glasschleifer einst eher zufällig den Vergrößerungseffekt der Gläser erkannt und Gestelle gebaut. Davon zeugen alte Malereien im Kloster von Triviso. Sie zeigen Mönche mit Brillen – der älteste Nachweis. Postkarten davon nahm Jörn Dackow mit. Sie hängen neben seiner Werkbank.

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Jens Seemann