„Wir wollen Menschen helfen“
o.t.n orthopädie.technik.nord aus Neumünster
Kein gewöhnliches Sanitätshaus. In seinem Betrieb orthopädie.technik.nord setzt Orthopädietechnikermeister Stefan Fehlandt in vielen Bereichen der Gesund-heitsversorgung Maßstäbe.
![]() |
Einzigartig sind das erste Prothesen-Atelier Norddeutschlands sowie das angeschlossene Lauf- und Bewegungslabor.Ein Besuchsprotokoll von Ulf Grünke.
Büromenschen leiden unter Bewegungsmangel. Die klügeren unter ihnen merken das und suchen nach einem Ausgleich. Ich zum Beispiel jage gerne gelben Filzbällen hinterher. Hin und wieder ziehe ich auch meine Laufschuhe an. Ohne Ambitionen, doch mit Spaß und der notwendigen Ernsthaftigkeit reicht’s für eine Runde um den Eutiner See. Keine Marathonstrecke. Der Untergrund ist weich und das Publikum in aller Regel freundlich. Trotzdem zwickt es schon mal hier, drückt’s mich auch mal dort.
Am Material kann es nicht liegen. Wenn mir etwas wichtig ist, bin ich bereit zu investieren. Mein Sportgerät war so teuer, dass es mir fast Leid tut, es beim Laufen an den Füßen zu tragen. Also muss ich irgendetwas falsch machen. Warum nicht einen Experten um Rat fragen? Keinen Schulmediziner. Hier kann nur das Handwerk helfen. Ich beschließe, dem Lauf- und Bewegungslabor von Orthopädietechnikermeister Stefan Fehlandt in Neumünster einen Besuch abzustatten.
Für nicht einmal 60 € lässt sich hier mit Hilfe eines medizinischen Laufbandes und angekabelter Videoanalysesoftware mein Gang- und Laufbild bewerten. „Im Mittelpunkt unserer Basisanalyse stehen Fuß, Sprunggelenk und Unterschenkel. Wobei wir unser besonderes Augenmerk der Pronations- und Abrollbewegung des Fußes widmen“, sagt Orthopädietechnikermeister Fehlandt. Ich denke, das ist der richtige Ansatz, behalte meine Überlegungen aber erst mal für mich.
Fersen- oder Ballenlauf
Die Bewegungsanalyse soll dabei helfen, sich effektiver, vor allem gesünder zu bewegen. In der Analyse stellen Fehlandt und Sportwissenschaftler Marco Weingarten fest, dass meine Vorfahren keine „weißen Kenianer“ waren. Anders formuliert: Ich komme bewegungstechnisch wie die meisten Mitteleuropäer plump und ohne Eleganz daher – ich bin ein Fersenläufer. Kein Problem, sagt Stefan Fehlandt: „Der Fersenlauf ist der am weitesten verbreitete Laufstil. Rund 80 % aller Freizeitläufer sind mehr oder weniger unbewusst mit ihm unterwegs.“ Eleganter sei fraglos der Vorfuß- oder Mittelfußlauf. Dabei solle man jedoch bedenken, dass auch dem zweifachen Olympiasieger über 10.000 Meter, dem Äthiopier Haile Gebrselassie, auf der Marathondistanz der absolute Durchbruch erst gelungen ist, nachdem er vom reinen Vorfußlauf etwas abgekommen war. Es gibt also Hoffnung.
Innovative Prothetik
Während ich noch auf dem Laufband vor mich hin laufe, wird mir klar, dass meine Laufprobleme im Gegensatz zu denen der Patienten im Prothesen-Atelier nebenan klein sind und unbedeutend. Fehlandt scheint meine Gedanken zu ahnen: „Wir wollen den Menschen einfach helfen. Das ist unser Motto bei o.t.n. Wir bieten in insgesamt sieben Kompetenzbereichen Dienstleitungen rund um das Thema Gesundheitsversorgung und Vorsorge an. Dazu gehören neben dem Prothesen-Atelier und dem Lauf- und Bewegungslabor die Bereiche Sanitätshaus, Orthopädietechnik, Schuhtechnik, Kinderversorgung, Reha und Pflege. „Wir verstehen uns als Komplettversorger und wollen uns räumlich sowie durch die personelle Besetzung abheben“, ergänzt Reiner Wallus, Kaufmännischer Leiter bei o.t.n, die Versorgungsphilosophie.
Gemeinsam mit Stefan Fehlandt machen wir einen Rundgang durch den Betrieb. Schon allein das Prothesen-Atelier mit seinen rund 400 Quadratmetern Fläche ist einen Besuch wert. Auf einem Übungsparcours werden unterschiedliche Alltagssituationen nachgebildet. Hier gibts Treppen, schiefe Ebenen, Naturrasen und einen steinigen Wanderweg. Damit ist es den Experten möglich, das Gangbild der Patienten intensiv und absolut praxisnah zu beobachten. Passteile können erprobt und Einstellungen später in der Orthopädiewerkstatt sofort optimiert werden. Im Dynamiklabor werden die Bewegungsabläufe dann noch weiter analysiert, um individuelle Trainingspläne zur Stärkung des amputierten oder des erhaltenen Beines zu erstellen.
„Unser Prothesen-Atelier steht für ein ganzheitliches Konzept. Mir war immer klar, dass es mit der Anfertigung des Hilfsmittels alleine nicht getan ist“, sagt Stefan Fehlandt. Auch die übrige Einrichtung ist einzigartig. Nie habe ich den Eindruck, in einem sterilen Warte- oder Behandlungszimmer zu sein. Das gesamte Interieur erinnert eher an einen Loungebereich mit angeschlossenem Hightech-Fitnessstudio.
Imagewandel
Bei o.t.n weiß man um das Imageproblem des Sanitätsfachhandels. „Natürlich wird unser Lauflabor nicht zum Hauptgeschäft werden“, sagt Reiner Wallus. „Aber wir müssen und wollen uns verstärkt den jungen Menschen als wichtiger Zielgruppe öffnen. Da sind noch Hemmschwellen abzubauen. Das versuchen wir.“
Mit Erfolg: Das Unternehmen engagiert sich nicht nur in der lokalen Läuferszene, wie beim Neumünsteraner Holstenköstenlauf. Auch beim „Lauf zwischen den Meeren“ ist man mit eigenen Teams dabei und 2011 startete erstmals eine Mannschaft von o.t.n bei den traditionellen „Vattenfall Cyclassics“ in Hamburg. Aktionstage mit renommierten Sporthäusern, auf denen das Lauflabor vorgestellt wird, runden dieses Engagement ab.
„Ursprünglich wollte ich Entwicklungshelfer werden“, lacht der 48-Jährige. Ein bisschen ist er das wohl auch geworden. Im Rahmen des Hilfsprogramms „Medi for help“ versorgte Stefan Fehlandt vor Kurzem im Albert Schweitzer Krankenhaus in Deschapelles (Haiti) Erdbebenopfer mit Beinprothesen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Meine Laufgeschichte ist gut ausgegangen. Ausgestattet mit einer persönlichen, herstellerneutralen Schuhempfehlung – angepasst auf mein biomechanisches Profil – läuft es sich jetzt richtig „rund“. Kein Zwicken mehr und auch kein Drücken. Dafür ein richtig gutes Gefühl.
KURZ UND KNAPP
o.t.n ist seit 1996 erfolgreich in der Gesundheitsvorsorge und -versorgung tätig. Seit 1997 bildet das Unternehmen aus. Im Haupthaus in Neumünster und der Filiale in Innenstadtlage arbeiten über 60 Mitarbeiter. 13 davon sind Lehrlinge. Der Betrieb ist nach DIN EN ISO 13485:2003 zertifiziert. Weitere Informationen unter www.o-t-n.de. Videos vom Lauf- und Bewegungslabor finden Interessierte unter www.currex.de.<<


