Harmonisierung nicht um jeden Preis
Handwerkerfrühschoppen in Flensburg
Die Frage nach dem „Handwerk 2020“ stand im Mittelpunkt des traditionellen Neujahrsempfangs der Kreishandwerkerschaft Flensburg Stadt und Land, dem Handwerkerfrühschoppen.
„Handwerk 2020?" Vor rund 200 Gästen aus Politik, Handwerk und Verwaltung, widmete sich Kreishandwerksmeister Albert Albertsen anlässlich der
26. Auflage des Handwerkerfrühschoppens der Kreishandwerkerschaft Flensburg Stadt und Land der Zukunft des Handwerks. Das Fragezeichen hatte er bewusst gewählt, denn vieles hänge bei der zukünftigen Entwicklung des Handwerks von den politischen Entscheidungen ab, die in Brüssel, aber auch auf Bundes- und Landesebene getroffen würden.
Brüssel diktiert Bedingungen
„Wir sind Handwerker - Wir können das. Mit diesem Leitsatz hatte ich mich vor einem Jahr von Ihnen verabschiedet. Diese Aussage setzt aber voraus, dass man uns lässt", sagte der Kreishandwerksmeister im Borgerforeningen in Flensburg. Albertsen kritisierte vor allem die Rahmenbedingungen für das Handwerk, die mehr und mehr von Brüssel mitdiktiert würden. Bei allem Verständnis für eine Harmonisierung in Europa „dürfen doch die Stärken eines Standortes nicht gefährdet werden", so Albertsen.
In diesem Zusammenhang erwähnt er die Zertifizierungspflichten, die dem deutschen Handwerk zukünftig in Bezug auf die Ausbildung auferlegt werden sollen. „Da schauen unsere Nachbarn auf unser duales Ausbildungssystem, bewundern es, aber gleichzeitig wird alles getan, um die Stärken und Erfolge unserer beruflichen Ausbildung auszuhöhlen." Dabei werde vieles in Frage gestellt - von den hohen Qualifikationsstandards, den Berufszugangsregeln bis hin zu den Selbstverwaltungsorganisationen.
Die „Dien
stleistungsrichtlinie" und die „Anerkennungsrichtlinie" seine weitere euro-
paweite Regulierungen, die zu Lasten des Verbraucherschutzes gerade in Bezug auf die Qualität und die Sicherheit gehen würde. Auch die Änderung der „Zahlungsverzugsrichtlinie" erntete herbe Kritik, da dadurch die Betriebe zukünftig wohl noch länger auf ihr Geld warten müssten. „Hier sollte das
Bundeskabinett von einer Umsetzung ab-
sehen, um den kleineren und mittleren Betrieben das Leben und das Wirtschaften nicht
zu erschweren oder unmöglich zu machen."
Kritik an Tariftreue- und Vergabegesetz
Kritik erntete auch das im Herbst 2012 von der Küstenampel in Kiel erarbeitete Tarif-
treue- und Vergabegesetz. Demnach müssten Handwerksbetriebe nunmehr „einen Mindestlohn, die Gleichstellung von Männern und Frauen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Dokumentation von Umwelt- und Energiestandards nachweisen, wenn sie vom Land einen Auftrag erhalten wollen. Das hat alles mit Deregulierung oder
Bürokratieabbau nicht das Geringste zu tun."
Wirtschaftlich gesehen stehe das deutsche Handwerk so gut dar, wie zuletzt in den Zeiten des Wiedervereinigungsbooms, betonte Albertsen. Dabei profitiere das Handwerk maßgeblich von der Schuldenkrise in
Europa. „Die Kapitalflucht in Beton ist sicherlich ein Konjunkturtreiber." Dennoch fordert Albertsen auch in Bezug auf die Schuldenproblematik in Europa ein „radikales
Umdenken". Rettungsschirme für Missmanagement oder Zocker-Mentalität dürfe es so nicht mehr geben. „Die Verantwortungslosigkeit von Politikern und Geschäftemachern darf nicht noch belohnt werden."
Demografischer Wandel große Herausforderung
Eine große Herausforderung stelle der demografische Wandel dar. Letztendlich gehe es auch darum, im Handwerk die Teilhabe am Arbeitsleben bis zum 67. Lebensjahr sicherzustellen. Etwas, was angesichts der körperlichen Belastung in vielen Handwerken nicht so leicht umsetzbar sei. „Die Betriebe müssen sich umstellen und die Arbeit anders verteilen", sagt Albertsen voraus. Auch beim Nachwuchs seien zukünftig neue Wege erforderlich, um die Fachkräfte von morgen sicherzustellen. In technischen Berufen müssten mehr Mädchen für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen und Abiturienten verstärkt für das Handwerk begeistert werden. Wenn das gelänge und die Politik akzeptable Rahmenbedingungen setzen würde, könne man der Zukunft wohl mit einiger Zuversicht begegnen.
ah

