Praxisnahe Lebensschule

Man kann bequemer heimkommen. Daniel Lorenzen wählte den für Wandergesellen traditionellen Weg über das Ortsschild.

Handwerker haben sie erfunden und die Tradition über Jahrhunderte gepflegt - die Walz. Junge Wandergesellen bereisen die Welt, arbeiten und erleben hautnah Menschen und deren Kulturen - wie der Bäcker Daniel Lorenzen. Er hat viel zu erzählen.

Ende 2008 hatte sich Daniel Lorenzen auf die Walz begeben. Dreieinhalb Jahre - und damit deutlich länger als die sprichwörtlichen drei Jahre und einen Tag - war er unterwegs. Und so kehrte er im Jahr 2012 zurück in seine Heimatgemeinde Joldelund in Nordfriesland. Der Bäckergeselle kam auf dem gleichen Weg, auf dem er gegangen war. Der führte abermals über das Ortsschild. Beschwerlich auf der einen Seite, gute Tradition auf der anderen. Und er kam wie er gegangen war: nach alter Sitte mit einem Bündel, einem Wanderstock und jenen fünf Euro, die er schon beim Start in sein Abenteuer bei sich trug.

Reich an materiellen Gütern wird kein Handwerker auf der Walz, reich an Erfahrungen jeder. Daniel Lorenzen trägt den Reichtum seiner Wanderschaft in sich. Dem über einhundertköpfigen begeisterten Begrüßungskomitee blieb er verborgen.

An der großen Willkommensparty, die seine Eltern Heide und Gerhard Lorenzen organisiert hatten, beteiligten sich 20 weitere Wandergesellen. Sie hatten den Gesellen auf dem letzten Teil der Strecke in einer Sänfte getragen.

Gesehen, gearbeitet, gelernt

Die 42 Monate auf der Walz haben den mittlerweile 27-Jährigen geprägt. „Ich habe in vielen unterschiedlichen Bäckereien gearbeitet und dabei sehr viel gesehen und gelernt. Sogar als Hilfskraft auf dem Bau habe ich mich verdingt", erzählt er und grinst dabei jungenhaft.

Lorenzen, der einer Bäckerfamilie entstammt, machte schon als Fünfjähriger große Augen (und Ohren), wenn sein Onkel über seine Wanderschaftserlebnisse als Tischler berichtete. „Die Erzählungen haben mich fasziniert und wohl auch angesteckt", sagt er. Irgendwann fasste er den Entschluss, es nach der Lehre im elterlichen Betrieb dem Onkel gleichzutun. Sein Weg führte ihn in zahlreiche europäische Länder, in die Vereinigten Arabischen Emirate und sogar bis nach Neuseeland und Australien. Deutschland durchmaß er von Konstanz bis Kiel auf Schusters Rappen.

Erste Schritte

Weil die Wanderschaft keine nachmittägliche Wanderung ist, wurde der Novize während der ersten drei Monate seines Abenteuers von einer erfahrenen Altgesellin angelernt. „Das ist wie eine Art Probezeit, in der man noch entscheiden kann, ob einem diese Form von Leben zusagt oder nicht." Walz heißt, häufig nicht zu wissen, wo man in der nächsten Nacht schläft, ob man irgendwo noch etwas zu essen bekommt oder wo die nächste Arbeit auf einen wartet.

Auch später war Lorenzen häufig zu zweit unterwegs, selten allein oder in der Gruppe. Während seiner Wanderschaft arbeitete er als Daniel Fremder bei insgesamt 16 verschiedenen Betrieben. Unterwegs wird der Familienname abgelegt. So will es die Tradition. Gewohnt hat er häufig bei den Betriebsinhabern - oft mit Familienanschluss. „Meist habe ich zwei bis sechs Wochen in einem Betrieb gearbeitet", sagt Lorenzen. „Bei einem Betrieb gab es einen Nachbarshund. Als der aufhörte zu bellen, wenn ich zur Arbeit kam, wusste ich, es ist wieder Zeit zu gehen." Arbeiten, um zu leben. Arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln. Praxisnahe Lebensschule: Das ist es wohl, was der Wanderschaft ihre Bedeutung gibt.

An die meisten Erlebnisse und Begegnungen seiner dreieinhalb Jahre erinnert sich Lorenzen gut. Manche berichtet er, andere behält er für sich. Zu den bes-ten Momenten zählten immer auch jene, in denen der Wanderer etwas zurückgeben konnte. „Richtig begehrt waren bei den Betrieben vor allem meine Schwarzbrotrezepte", sagt er.

Fixpunkte der Walz waren die regelmäßigen Treffen der Wandergesellen. „Der Schacht, dem ich angehört habe, hat einmal im Jahr für einen Monat sozusagen unsere Arbeitszeit für gemeinnützige Projekte gespendet." In dieser Zeit sammelte er auch branchenübergreifend Erfahrung. Zum Beispiel beim Errichten eines Dachstuhls für ein Jugendheim.

Schule für das Leben

Daniel Lorenzen ist wieder zurück in Joldelund. Und mehr noch. Ende 2012 begann er mit der Meisterschule in Hannover. Seit Januar ist er nun auch Bäckermeister und arbeitet wieder im elterlichen Betrieb mit. Die Wanderschaft mit ihren zahlreichen Erfahrungen wird aber auf jeden Fall auch diesen neuen Lebensabschnitt bereichern. „Ich habe von überall, wo ich gearbeitet habe, schöne Rezepte mitgenommen. Und ich habe viel gelernt über andere Arbeitstechniken."

Zum Abschied sagt Daniel Lorenzen noch: „Man muss für das Leben auf der Wanderschaft geboren sein. Wer diesen Schritt aber gehen möchte, dem kann ich nur dazu gratulieren."

 

ah