Auf spanischen Dächern

Auslandspraktikum

Kontakte geknüpft, Erfahrungen gesammelt und viel gelernt: Während ihrer Dachdeckerlehre machte Joanna Wesolowska ein dreiwöchiges Praktikum in dem kleinen andalusischen Ort Barrio-Monachil.

Blauer Himmel, Schäfchenwolken, Sonnenschein. Hinter den staubigen Autofenstern fliegt ein sommerlicher Vormittag vorbei. Am rechten Fahrbahnrand gerät das Ortsschild Pansdorf ins Blickfeld. Ein beschaulicher Flecken in Ostholstein. Im Terminkalender steht ein Treffen mit Joanna Wesolowska im Dachdeckerbetrieb Lutz Wellach. Sie ist eine der fünf Lehrlinge, die im zehnköpfigen Meisterbetrieb für Dachdeckerei und Klempnerei ausgebildet werden. Wer immer noch glaubt, Auslands­praktika während der Ausbildung bringen nichts, oder wer etwas erfahren möchte über das Leben und Arbeiten im 2.500  Kilometer entfernten Andalusien, sollte mit der jungen Frau sprechen. Im Frühjahr war der kleine Ort Barrio-Monachil drei Wochen lang ihr Zuhause. Im Dachdeckerbetrieb Cubiertas Rodriguez S. L. arbeitete sie als Praktikantin. Granada mit seiner weltbekannten Alhambra ist nicht weit, das umgebende Bergpanorama der Sierra Nevada zum Greifen nah.

Wiege des Flamenco

Andalusien, die südlichste der 17 auf dem Festland gelegenen spanischen Regionen, eroberte Joanna Wesolowskas Herz und Kopf im Sturm. Im vergangenen Jahr, gerade hatte sie ihre Lehrstelle als Dachdeckerin angetreten, verbrachte sie ihren Urlaub hier. Andalusien ist nicht nur die Wiege des Flamenco. Die Region hat viel mehr zu bieten als 800 Kilometer Küstenlinie an Mittelmeer und Atlantik. Sie ist auch eine Art Freilichtmuseum für jahrhundertealte maurische Baukunst. Deren Einflüsse reichen bis in die Gegenwart hinein. Joanna Wesolowska bekam schnell einen Blick für die sehr unterschiedlichen Dachformen, die Vielfalt der verwendeten Materialien und die teilweise ungewöhnlichen Dacheindeckungen. Bereits während des Urlaubs stand fest: Sie wollte mehr über das spanische Dachdeckerhandwerk erfahren – am liebsten direkt vor Ort bei der Arbeit auf spanischen Dächern.

„Dass ich schon wenige Monate später wirklich in einem spanischen Betrieb arbeiten würde, hätte ich allerdings nicht gedacht“, erzählt die 20-Jährige. Zu verdanken hat sie das ihrem eigenen Engagement und ihrem Ausbildungsbetrieb. Dachdeckermeister Lutz Wellach motiviert seine Lehrlinge, Auslandserfahrung zu sammeln und unterstützt sie auch bei der Organisation. Für ihn ist das selbstverständlich: „Auslandspraktika sind eine tolle Erfahrung. Ich biete allen Lehrlingen an, so etwas in die Tat umzusetzen.“ 

Und das hat sie sehr zielstrebig getan. Mit der gleichen Zielstrebigkeit, mit der sie ihre Lehrstelle suchte und gefunden hat. Ein Handwerk habe sie auf jeden Fall lernen wollen, erzählt  sie. Die Wahl fiel schließlich auf das Dachdeckerhandwerk. Hartnäckig schrieb sie rund 60 Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz. Eine landete auf dem Schreibtisch von Lutz Wellach. Von ihm erhielt sie den Ausbildungsvertrag, weil „die Bewerbung genau zur richtigen Zeit kam und die Chemie stimmte“, wie er sagt.

Jeder Stein Handarbeit

Zielstrebig verlief auch die Suche nach einem Praktikumsplatz in Andalusien. Sie fand ihn schließlich im Betrieb Cubiertas Rodriguez – ein echter Glücksgriff, wie sich bald herausstellte. Der Betrieb ist spezialisiert auf Tejados Pizarras, also Schieferdächer. Joanna Wesolowska arbeitet gerne mit diesem Naturstein. „Schiefer ist ein besonderes Material, vielfältig an Farbnuancen und Formen“, erzählt sie. Auch sehr komplizierte Dachformen lassen sich damit gut decken. Fasziniert ist sie auch von den gestalterischen Möglichkeiten, die das Material bietet. Kunstvolle Ornamente können aus Schiefer auf Dächer und Hauswände gedeckt werden. Eine Aufgabe, die besonders anspruchsvoll ist und viel handwerkliches Können und Kreativität verlangt, wie Lutz Wellach ergänzt. „Jeder Stein ist handbearbeitet. Hier wird Handwerk zur Kunst.“

Joanna Wesolowska absolvierte ihr Praktikum im Frühling, der schönsten Jahreszeit im spanischen Süden. Berührungsängste im Betrieb? Fehlanzeige. Die blonde Deutsche gehörte vom ersten Tag an zur Mannschaft. Dank ihrer Spanisch-Kenntnisse aus der Schulzeit klappte es auch mit der Verständi-gung. Gelangte sie doch einmal mit ihrem Spanisch an Grenzen, dann ging es auf Englisch oder auch „mit Händen und Füßen“ weiter.

Gab es den typischen Arbeitstag in Spanien? Die junge Dachdeckerin verneint, um dann gleich einzuschränken: „Eines ist typisch. Jeder Arbeitstag beginnt mit Café con leche y bocadillo in einer Café-Bar und endet mit dem gesamten Arbeitsteam in einer Tapas-Bar – ganz egal, wann der Arbeitstag beginnt, endet und wo gearbeitet wird.“ Eine schöne (und beneidenswerte) Gewohnheit, die den Tag entspannt beginnen und enden lässt, findet Joanna Wesolowska.

Von ihrem Chef auf Zeit, Francisco Rodriguez, wurde Joanna Wesolowska oft zu Besprechungen und Baustellenbegehungen mitgenommen. Auf die Verstärkung aus Deutschland reagierten die Kunden des Betriebes sehr neugierig und aufgeschlossen – Joanna Wesolowska war in den drei Wochen ihres Praktikums fast so etwas wie das Aushängeschild des Betriebes. Doch die Arbeit auf spanischen Dächern war für sie das Wichtigste. Langweilig wurde es für Joanna Wesolowska jedenfalls nicht, egal ob sie sich mit Reparaturarbeiten beschäftigte oder einen kleinen Dachstuhl komplett eindeckte. Und auch das gehörte zum Praktikum: Badezimmerfliesen abreißen, Schlitze für Elektroleitungen in die Wand meißeln, Farben und Tapeten von Wänden spachteln. Undankbare Aufgaben? Von wegen. Spaß gemacht hat ihr auch das. „Ich habe so viel Neues gelernt“, sagt Joanna Wesolowska, „nicht nur handwerklich, sondern auch über spanische Lebensweise und die Menschen dort.“ Fast klingt es ein bisschen wehmütig, wenn sie von ihrer Zeit in Spanien berichtet.

Gute Karten
Mit Cubiertas Rodriguez steht Joanna Wesolowska auch nach dem Praktikum weiter in Kontakt. Vielleicht wird es in Zukunft ein Wiedersehen in Andalusien geben. Apropos Zukunft: Fest steht, dass sie sich unbedingt auf das Material Schiefer spezialisieren will. Ins Auge gefasst hat sie bereits die Meisterausbildung in Mayen. Das dort ansässige Bundesbildungszentrum des Deutschen Dachdeckerhandwerks ist besonders spezialisiert auf traditionelle und moderne Schiefer-Deckungen. Mit dieser Qualifikation hat die Dachdeckerin auch in Spanien gute Karten. Die Einladung, jederzeit nach Barrio-Monachil zurückzukommen, hat Joanna Wesolowska bereits. Um die Zukunft muss sie sich keine Sorgen machen.

Anja Schomakers