Mit Fräse und Bohrer durch die Welt
MTS Kasulke & Rohde GmbH in Hamburg-Moorburg
Zwei Pässe je Mann sind ein Muss: Damit die Monteure der MTS Kasulke & Rohde GmbH ihre Aufträge ausführen können, ist einiger logistischer Aufwand erforderlich. Zu Vor-Ort- Reparaturen reisen die Spezialisten selbst in entlegene Häfen der Welt. Ihr Einsatz – oft als Einzelkämpfer – erspart Schiffen meist lange Liegezeiten.
Firmenchef Detlev Rohde in Fort-de-France auf Martinique: Beim Ausbau der Steuerrohrbuchse eines Containerschiffs ist seine Hilfe gefragt. |
Die Drehbank in der großen Werkstatt in Hamburg-Moorburg ist verwaist. Kein Schleifgeräusch, kein Hämmern oder Sägen erfüllt die Luft bei der MTS Kasulke & Rohde GmbH. Erst auf den zweiten Blick ist hinter Regalen ein Mitarbeiter auszumachen, damit beschäftigt, Werkzeug zu polieren und aufzuräumen. Ein Krisenbild? Keineswegs. Detlev Rohde treiben andere Sorgen um: „Wir möchten gern größer werden“, sagt der Geschäftsführer des Mobil Technic Service (MTS). Das Unternehmen, das auf Vor-Ort-Reparaturen mit transportablen Werkzeugmaschinen spezialisiert ist, könnte problemlos von derzeit sechs auf acht bis zehn Mitarbeiter wachsen – auch wenn die Schiffsindustrie als Hauptauftraggeber schwächelt. Zerspaner, Motorenschlosser, auch Seeleute, die sich im Maschinenraum auskennen, haben beste Chancen. Gute Englisch- oder auch Russisch-Kenntnisse sind indes nicht die einzige Anforderung. Wer nach Feierabend um 17 Uhr gern mit seinen Kindern spielen möchte oder regelmäßig zum Fußballtraining muss, braucht sich die Mühe einer Bewerbung nicht zu machen.
„Heute morgen haben wir einen Mann mit neun Kisten in die Türkei geschickt, ein anderer ist gerade in Schanghai“, erzählt Detlev Rohde, der seinen Berufsweg als Kfz-Mechaniker begann. Die Einsätze, neben der Schifffahrt auch in der chemischen Industrie und bei Kraftwerksbetreibern, erfolgen weltweit – und sind nicht im Voraus planbar. Kommt am Sonnabend ein Anruf aus dem russischen Murmansk, dass ein Containerschiff mit einer defekten Kurbelwelle in dem Nordmeerhafen festliegt, sitzt am Sonntag ein MTS-Mitarbeiter im Flugzeug. Per Luftfracht begleiten ihn mobile Fräsen, Schleifmaschinen und bis zu acht Meter lange Bohrer in die Arktis. „Manchmal schaffen wir es, vorher noch ein Angebot zu erstellen“, schildert Rohde ein Geschäft, in dem Schnelligkeit zählt. „Unsere Leute müssen permanent bereitstehen – da muss auch die Partnerin einverstanden sein“, kennt der 46-Jährige das Leben auf gepackten Koffern aus eigener Anschauung.
Imposante Visa-Sammlung
An rund 200 Tagen im Jahr sind die Mitarbeiter des Reparaturbetriebs überall anzutreffen, nur nicht in der Werkstatt-Halle in Moorburg. Dort hält Jana Rohde, Ehefrau des Geschäftsführers, die Stellung. Sie kümmert sich um die Logistik, angefangen bei den Werkzeugmaschinen, die quer durch die Welt zu den Einsatzorten fliegen, bis zu den zwei Pässen eines jeden Monteurs. Innerhalb weniger Monate weisen diese mehr Visa und Einreisestempel auf, als eifrige Urlaubsreisende in einem ganzen Leben sammeln. Für Reedereien ist der Zeitgewinn das zentrale Argument, MTS mit einer Reparatur zu beauftragen. Oftmals wäre eine Bearbeitung in der Werkstatt oder einer Werft für sich gesehen zwar güns-tiger als die komplizierte Erneuerung von Motorenteilen oder Lagerstühlen im eingebauten Zustand. Doch wo findet sich in Nouadhibou (Mauretanien) die nächste Werkstatt, die einen defekten Lagerzapfen fachmännisch aufschweißt und aufarbeitet? Und wie lange benötigt ein Original-Ersatzteil für die Reise vom Hersteller in Südkorea nach Barbados? Werden Liegezeiten und Transportkosten hinzugerechnet, gewinnt das Angebot der Hamburger Spezialfirma schnell an Attraktivität.
Meisterhaft im Improvisieren
Geht alles nach Plan, genügen zwei Wochen, um eine defekte Kurbelwelle wieder in Stand zu setzen – nach allen Regeln, die die Klassifikationsgesellschaften, eine Art Schiffs-TÜV, vorgeben. „Unser Geschäftserfolg steht und fällt mit der Qualität der Arbeit. Wenn wir einmal einen Fehler machen, ist der Küstenschnack rum“, erklärt der MTS-Geschäftsführer, warum er auf die Zertifizierung des Qualitätsmanagements der Firma nach ISO-Norm großen Wert legt. Und warum neue Mitarbeiter erst nach einer zweijährigen „Lehrzeit“ allein auf Reisen gehen. Improvisationstalent ist gefragt, ebenso wie ein hohes Maß an Selbstständigkeit: „Es steht kein Meister hinter einem.“ Widrigkeiten sind in fernen Häfen an der Tagesordnung: Mal fällt für Stunden der Strom aus, mal liegen Mannschaft und Schiffsoffizier über Kreuz, was den Reparaturauftrag nicht eben erleichtert.
Dienstreise auf die Bahamas
Sergej Frolikov, der Mann, der hinter den Regalen werkelt, kennt diese Unwägbarkeiten nach dreieinhalb Jahren bei MTS gut. Gerade ist der 45-jährige Russlanddeutsche, gelernter Turbinenbauer, heimgekehrt von einer 20-tägigen Irrfahrt zwischen Hongkong und Schanghai. Geplant war längstens ein zweiwöchiger Trip. Die besondere Konstruktion eines Getriebes war vorab nicht bekannt und ließ den Routineauftrag, drei Kurbelzapfen zu reduzieren, zu einer kniffligen Herausforderung werden. Unterstützung gibt es auf See bestenfalls von der Crew. Viel Sorgfalt wird deshalb auf die Ausrüstung verwendet: Das Werkzeug für einen Auftrag stellt jeder Mitarbeiter selbst aus den Stores, den gut bestückten Materiallagern, zusammen. Und in den Tagen zwischen den Einsätzen werden die Maschinen für ihre mobilen Aufgaben immer wieder weiter entwickelt und angepasst – eine Besonderheit gegenüber großen Konkurrenten, erläutert Rohde.
Beliebter als die Soloeinsätze sind im MTS-Team allerdings die Aufträge, die allein nicht zu meistern sind, wie die Komplettüberholung eines Getriebes auf See oder die Flanschbearbeitung für ein Krandrehkreuz. „Mit vier Mann auf den Bahamas – und nach dem Auftrag noch ein paar freie Tage“: Das sind die Sonnenseiten im Arbeitsalltag von Sergej Frolikov und seinen Kollegen.
Firmengeschichte
1994 Gründung durch Klaus Kasulke, vormals bei Metalock Engineering, Norderstedt, im selben Feld tätig, mittlerweile im Ruhestand. Die Firma operiert zunächst von einer Garage aus.
1995 Detlev Rohde wechselt von Metalock zu MTS. Gründung einer gemeinsamen oHG mit Klaus Kasulke, 1997 Umwandlung in eine GmbH. Umzug in eine umgebaute Schlachterei nach Buchholz.
seit 2002 Neuer Standort der Firma ist Hamburg-Moorburg.
Bildnachweis: Rosenau/hfr
Claus Rosenau

Firmenchef Detlev Rohde in Fort-de-France auf Martinique: Beim Ausbau der Steuerrohrbuchse eines Containerschiffs ist seine Hilfe gefragt.