Krise geht, Probleme bleiben

Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise ist vorbei – oder fast. Hoffentlich jedenfalls. Und was kommt jetzt? Für die NH-Septemberausgabe haben wir drei Handwerksunternehmer nach ihren Erlebnissen der vergangenen eineinhalb Jahre befragt. Den Blick in die Zukunft wirft ausnahmsweise mal kein Ökonom, sondern eine Kartenlegerin. So viel Originalität verträgt das Thema.

Wir sind schon länger nicht mehr in der Krise“, sagt Tino Krause. Seit Januar 2009 ist der 23-jährige Enkel des Firmengründers Bodo Krause Chef der gleichnamigen Schleiferei im mecklenburg-vorpommerschen Rolofshagen. „Unsere Kunden sind noch in der Krise. Und das tut uns zurzeit noch eher gut. Hätten wir das nicht, würden wir die Arbeit definitiv nicht schaffen.“ Krauses Kunden sind in Deutschland ansässige, auf dem Weltmarkt agierende  Industriebetriebe – Hydraulikunternehmen, Anbieter von Windkraftanlagen, vor allem aber Maschinen- und Getriebebau. Gerade jene Schlüsselbranche der Wirtschaft also, die 2008 die Zulieferbetriebe zur „Konjunkturlokomotive“ des Handwerks machte – und die dann ein Jahr später im Sog der Wirtschaftskrise den größten Auftragseinbruch ihrer Geschichte erlebte (–38 %).

Die rasante Talfahrt erfasste auch die Rolofshagener Schleiferei. Im Spätsommer 2008 sei eine wachsende Zurückhaltung der Kunden spürbar geworden, erzählt Bodo Krause. Die Auslastung der Industrieunternehmen sinkt. Spiralbohrer, Fräs- und Sonderwerkzeuge werden weniger genutzt, müssen seltener geschliffen und schon gar nicht neu geordert werden. Ein unerwarteter Großauftrag stabilisiert über ein Vierteljahr hinweg den Umsatz der Schleiferei, verklärt aber nicht den Blick auf die schwieriger werdende Situation. „Wenn so etwas auf einen zurollt, dann muss man investieren, auch wenn es    im Augenblick wehtut. Wenn man sich sagt, wir haben kein Geld für Investitionen, wird die Lage bestimmt nicht besser“, meint Bodo Krause.

Eine zusätzliche Außendienstmitarbeiterin wird eingestellt, der gesamte Außendienst geschult. Tino Krause verbringt über Monate viel Zeit mit der Akquisition. Tagsüber am Telefon, nachts im Internet. Eine neue Maschine zum Bearbeiten von Sonderwerkzeugen wird angeschafft. Damit verbreitert sich das Leistungsportfolio des Betriebs. Und Krauses beginnen, die Markenpflege zu intensivieren. Der Betrieb geht Servicekooperationen mit zwei führenden amerikanischen Anbietern von Präzisionswerkzeugen ein: „Kennametal“ und „Komet“, klingende Namen in den Ohren der Branchenkenner. Das kostet „richtig“ Geld, ist aber ein Wechsel auf die Zukunft. „Wir wollen mit den Servicepartnerschaften nicht reich werden“, erzählt Tino Krause.  Ziel sei es vielmehr, „die Qualität des eigenen Namens und des Angebots zu unterstreichen“.

Die getroffenen Entscheidungen tun ihre Wirkung – aber zunächst langsam. Der Nachfrageeinbruch aus der Industrie ist anhaltend. So entschließen Chef und Mitarbeiter gemeinsam, ab Februar 2009 Kurzarbeit zu fahren. Die Produktion reduziert ihre Arbeitszeit um 10 %, das zulässige Minimum. „5 % wären besser gewesen“, sagt Tino Krause, aber so weit sei die Flexibilisierung beim Kurzarbeitergeld nicht gegangen. Bis März 2010 arbeiteten die Zerspanungsmechaniker 18 Stunden weniger im Monat, die übrige Zeit dafür um so härter.

Für die Rolofshagener Schleiferei ist die Wirtschaftskrise heute vorbei. Wenn Tino und Bodo Krause miteinander die Entwicklungsperspektive des 10-köpfigen Betriebs besprechen, steht ein Thema im Vordergrund: Expansion. „Wir haben innerhalb der letzten eineinhalb Jahre unseren Kundenkreis fast verdoppelt. Viele Neukunden sind am Anfang mit Kleinkram gekommen. Aber daraus werden jetzt immer größere Aufträge.“ Um die steigende Nachfrage bedienen zu können, werden im kommenden Frühjahr eine große Halle gebaut, der Maschinenpark vergrößert und sechs neue Mitarbeiter eingestellt. Das Investitionsvolumen bewegt sich im siebenstelligen Bereich. „Wir sind gestärkt aus der Krise herausgekommen“, sagt Bodo Krause.  „Jetzt müssen wir die Grundlage schaffen, weiterzukommen.“

Wirtschaftswunder

Und fürs Weiterkommen sieht es gar nicht so schlecht aus. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Der Export brummt. Die Auftragseingänge der Industrie schnellen in die Höhe,  die heimischen Autobauer erwarten Milliardengewinne.  Dax und Dow Jones tun so, als habe es den Crash im März 2009 nicht gegeben. Der Euro ist wieder erstarkt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle träumt angesichts der Entwicklung am  Arbeitsmarkt von Vollbeschäftigung. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) verortet die Stimmung der Konsumenten im Sommerhoch. Das Münchner ifo Institut sieht die Kredithürde für die gewerbliche Wirtschaft sinken ... Forschungsinstitute, internationale Organisationen und allen voran die Bundesregierung rechnen für das Gesamtjahr mit einem Wirtschaftswachstum von 2 % oder mehr.
Wie verlässlich sind Stimmungen, Prognosen in bewegten Zeiten? So verlässlich wie der Blick in die Kristallkugel – erhöht durch wissenschaftlich begründeten Wahrheitsanspruch? Und: Wenn sich die Sache so verhält, warum dann nicht gleich einen Seher befragen oder eine Kartenlegerin? Zum Beispiel Gloria Heilmann von Bergen.

Auf unsere Anfrage reagiert die Hamburgerin zögerlich. Sie wisse gar nicht, ob das funktioniere. Wirtschaft sei abstrakt. Sie arbeite jedoch mit konkreten Menschen, schaue auf deren Leben, helfe es zu ordnen. „Da kommt auch“, sagt sie, „Zukunft vor. Aber nur als Möglichkeit. Zukunft ist ja nicht schon fertig und fest da.“ So viel Zweifel an der eigenen Methodik erzeugt Vertrauen und den unbedingten Wunsch, einen Versuch zu wagen. Die Karten werden gemischt, auf zwei Stapel verteilt, wieder zusammengelegt. Dann beginnt Gloria Heilmann langsam Blatt um Blatt aufzudecken.

„Ich nutze meine Intuition“, hat sie vorher gesagt, „reise durch die Bilder, und dann plappert es aus mir heraus.“ Jetzt sagt sie, dass es im Moment noch weiter nach Aufschwung aussehe. Der sei aber „kindlich-naiv, unfertig, ungefestigt, ein bisschen auch Illusion.“ Es wäre gut, sehr bewusst mit ihm umzugehen.  „Dass die Wirtschaft jetzt gerade gut dasteht, hat viel mit Glück zu tun“, denn im Kern sei das Wirtschaftssystem krank. „Darum wird es auch wieder zum Einbruch kommen – vielleicht im nächsten oder übernächsten Jahr. Und dann wird man den Gürtel enger schnallen.“  Für alle Betriebsinhaber hat Gloria Heilmann von Bergen noch einen Ratschlag parat: „Der Handwerksmeister sollte nach seinem Bauchgefühl handeln, nicht nach dem, was die ‚Weisen‘ sagen. Ich meine das auch selbstkritisch.“

Virtuelle Krise
Eine Eigenheit der Wirtschaftskrise ist, dass sie einerseits den gesamten Globus erfasst hat, andererseits für viele unwirklich geblieben ist. Wer zum Beispiel Hans W. Hansen auf die Verwerfungen des Jahres 2009 anspricht, bekommt als Antwort ein freundliches Achselzucken. Hansen betreibt gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Kruse die Kfz-Werkstatt „Joe’s Garage“ in der Kieler Waitzstraße. „Im vergangenen Jahr haben unsere Kunden zeitweise drei Wochen auf einen Termin warten müssen.  Die Krise hat hier nicht stattgefunden“,  sagt er.  Erstaunlich, hatten doch Experten orakelt, die sogenannte „Abwrackprämie“ subventioniere den Kfz-Handel auch auf Kosten der Werkstätten, weil neue Autos seltener in die Reparatur müssen. Am Beispiel Joe’s Garage erweist sich die Annahme als irrig. Im Werkstattbereich insgesamt auch. Nach Angaben des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) setzte der Servicebereich  2009 gut 28,1 Milliarden € um, ein Umsatzplus von 0,3 % gegenüber dem Vorjahr.

Wenn Joe’s Garage seit 23 Jahren über alle konjunkturellen Schwankungen und Einbrüche hinweg einen stabilen Kurs fährt, hat das für Hansen vor allem zwei Gründe. Einer ist das spezielle Verhältnis  zur „Zielgruppe“. „Wir haben unsere Kunden im Griff“, sagt er lächelnd. „Die Kundschaft kommt zu uns, weil wir uns ihr Vertrauen erworben haben. Warum? Weil wir ehrlich und fair sind.“ Ein weiterer Grund ist die umfassende Fachkompetenz. Neben den beiden Geschäftsführern –  der eine (Kruse) ausgewiesener Experte für Diagnosefälle, der andere (Hansen) Spezialist für Dieselmotoren, Berufsschullehrer, Innungsobermeister (und ambitionierter Musiker) – gehört mit Ole Lamp ein weiterer Kfz-Meister zum siebenköpfigen Team. Lamp übernimmt in der Werkstatt Leitungsfunktionen und schafft damit auch die Voraussetzung für das vielfältige Engagement seiner Chefs jenseits der Betriebstore. Hinzu kommen die Gesellen. Allesamt „Allrounder, denen wir immer wieder den Blick fürs Ganze schärfen“, erzählt Hansen.
„Was uns Sorgen macht, sind nicht konjunkturelle Aufs und Abs oder Wirtschaftskrisen. Eine Herausforderung – und das gilt übrigens für alle Werkstätten – ist vielmehr  die zunehmende Komplexität der Systeme in den Fahrzeugen. Die Elektronik wird immer mehr und ohne innere Logik vernetzt“, so Hansen. Da komme es vor, dass ein Tacho ausgetauscht werden müsse, weil die Türverriegelung nicht funktioniert. Die Fehlersuche dauert einerseits immer länger, kann aber andererseits nicht komplett in Rechnung gestellt werden. „Die technische Ausrüstung der Betriebe und die Fortbildung der Mitarbeiter nehmen gewaltige Ausmaße an. Immer weniger verrechenbare Stunden sind die Folge.“

Die zweite Herausforderung stellt der Berufsnachwuchs. Täglich melden sich interessierte junge Leute. Doch kaum einer ist dabei, der die Anforderungen einer derart anspruchsvollen Ausbildung erfüllen kann. „Wir bekommen leider nicht immer die Bewerber, die wir brauchen“, sagt Hansen. 

Auf dem Jakobspfad
Und dann erzählt er von den Gefühlen, die ihn beschleichen, wenn er in der Tageszeitung Artikel liest, die mit „Das sind die vier besten Kfz-Mechaniker Kiels“ überschrieben sind. Vor einigen Wochen erst geschehen: Vier Kandidaten haben ihre Gesellenprüfungen mit herausragendem Ergebnis bestanden. „Was nicht in der Zeitung steht, ist, dass alle Abitur haben und schon längst nicht mehr im Handwerk sind. Einer ist in Australien, einer auf dem Jakobspfad und die anderen beiden sonstwo“, sagt Hansen. Und das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht.  

Grenzen markieren
Mangelnde Ausbildungsreife ist für Michael Krause kein Thema. Der 59-jährige Maurermeister ist Inhaber eines kleinen Baugeschäfts in Reinbek. Seit 20 Jahren ist er am Markt. Lehrlinge hat der Betrieb nie gehabt. „Wer Maurer lernt, der muss im Neubau ran, der muss richtig Steine in die Hand nehmen und Mörtel riechen“, sagt Krause. Sein Geschäftsfeld ist das Bauen im Bestand – Instandsetzen, Modernisieren, Sanieren. Zu drei Vierteln bedient der Betrieb gewerbliche Kunden.Daneben gibts ein paar private, sehr selten öffentliche Auftraggeber. Michael Krause ist ein Handwerker vom alten Schlag. Obwohl er das so wohl nicht sagen würde. Er sagt dafür Sätze wie: „Wir sind vielleicht der einzige Betrieb, der bei der Wärmedämmung nicht mitmacht, weil das unsinnig ist, und ich Maurermeister bin. An den Wänden Plastik, am Boden Blubber­estrich: Das ist kein Handwerk mehr, das ist Industrie.“

Vor sieben Jahren hat Krause den Firmenstandort im Gewerbegebiet Haidland neu gebaut. Büro, Aufenthalts- und Sanitärräume, großzügige Halle für Material und Fahrzeuge. „Die Kollegen sollten einen Platz haben, an dem sie zusammenkommen, den Tag beginnen und abends beenden können“, erzählt Krause. Die Räume sind verwaist. Im Frühjahr 2009 hat   der Chef fünf seiner sechs langjährigen Gesellen gekündigt. Ende März erreichten die Schockwellen der Wirtschaftskrise den Betrieb. Innerhalb von zwei bis drei Wochen stornierten die gewerblichen Kunden beinahe alle Aufträge. Michael Krause schaltete sofort einen Betriebsberater ein: „Der hat gesagt: ‚Stellen Sie ihre Leute frei. Entweder so, oder Sie gehen baden‘.“

Einen Gesellen hat Krause im Betrieb gehalten. Monatelang wurde um Kleinstaufträge gerungen. Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Doch wie es weitergeht, ist ungewiss. „Als ich mich selbstständig gemacht habe“, so Krause, „wollte ich ein halbwegs vernünftiges Baugeschäft haben. Ordentliche Qualität zu fairen Preisen. Die Situation aber ist, der Kunde will nur noch billig. Da können die Betriebe gar nicht anders als rumpfuschen. Das Schlimmste dabei: Der Auftraggeber ist mit dem Murks einverstanden. Und da haben wir noch gar nicht über das ganze Drumherum gesprochen. Die Verordnungen, die Auflagen. Statt Immobilien zu sanieren, guckt man doch nur noch, dass alles bürokratisch korrekt abläuft. Ich überlege, ob das, was ich jetzt erlebe, richtig ist und wo meine Grenzen sind.“

Und was kommt jetzt?

Optimisten betrachten die Wirtschaftskrise als bewältigt. Für Pessimisten dauert sie als Schuldenkrise der Staatshaushalte an. Ohne Zweifel ist die Haushaltskonsolidierung alternativlos. Angesichts der desolaten öffentlichen Finanzen und vor dem Hintergrund der durch den Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen geänderten politischen Rahmenbedingungen sind von der amtierenden Bundesregierung größere Reformanstrengungen kaum zu erwarten.

Wie ernst es Schwarz-Gelb mit Handwerk und Mittelstand meint, wird sich im Kleinen zeigen. Bei der zukünftigen Rundfunkfinanzierung wie beim 2009 verdoppelten „Steuerbonus“. 2011 soll er auf den Prüfstand kommen. Es wird sich zeigen bei der Festschreibung der 2011 auslaufenden Umsatzgrenze für die Ist-Versteuerung, bei der Ökosteuer oder bei der Förderung der CO2-Gebäudesanierung. Dass die Bundesregierung, wie kurz vor Redaktionsschluss bekannt wurde, hier drei erfolgreiche KfW-Förderprogramme kurzfristig einstellen will, stimmt nachdenklich.

Bildnachweis: Imago, Seemann, IW Köln

Thomas Meyer-Lüttge